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Die 9 populärsten Argumente gegen Windkraftanlagen und wie es tatsächlich ist

Drei Windräder, die hinter einem Maisfeld hervorragen.
Windenergieanlagen erzeugen vor allem Lärm, töten Tausende Vögel und sind aufgrund der Schweizer Windverhältnisse ineffizient. Es gibt viele solcher Vorurteile – oder eher Argumente gegen Windkraft. Doch was stimmt wirklich? Der Faktencheck zu erneuerbaren Energien.

Bis 2050 sollen Windkraftanlagen der Schweiz 4’000 Gigawattstunden (GWh) Strom liefern – laut Energiestrategie 2050 des Bundes rund 10 Prozent des Schweizer Strombedarfs. Derzeit produzieren gemäss Bundesamt für Energie (BFE) rund 40 Grossanlagen gut 140 GWh Windstrom.

Dass der Ausbau der Windenergie noch nicht weiter fortgeschritten ist, liegt nicht zuletzt an vielen hartnäckigen Vorurteilen gegenüber den Anlagen, dabei könnten sie einen wichtigen Beitrag zur angestrebten 2000-Watt-Gesellschaft liefern. Wir haben die 10 populärsten Argumente gegen Windkraft unter die Lupe genommen.

Mehrere Windräder, die zwischen Feldern stehen.

1.
«Windkraftanlagen produzieren Strom gerade dann, wenn wir ihn nicht brauchen.»

Fakt ist: Windenergieanlagen produzieren im Sommerhalbjahr rund einen Drittel ihrer Energie und im Winterhalbjahr zwei Drittel, wie das BFE in einer Studie aufzeigt. (etwas ältere, aber interessante Grafik und interaktive Karte)

Das heisst, genau dann, wenn wir mehr heizen und mehr Energie für die Beleuchtung brauchen, wird auch am meisten Windenergie produziert.

Solaranlagen und Wasserkraftwerke liefern hingegen im Sommer mehr Energie. Windkraft ist deshalb eine ideale Ergänzung zu Sonnenenergie und Wasserkraft.

Zwei Windräder, die hinter einem Kornfeld stehen.
Eine Tür, die ins Innere des Windrads führt.

2.
«Windenergie ist ineffizient!»

Fakt ist: Eine Windenergieanlage mit einer Gesamthöhe von 180 Metern produziert während rund 20 Jahren Strom für eine Gemeinde mit gut 4’500 Einwohner*innen. Für die gleiche Menge Solarenergie bräuchte es 6 Fussballfelder oder 40’000 Quadratmeter Solaranlagen. Also keine stichhaltigen Argumente gegen Windkraft.

3.
«Windkraftanlagen töten jährlich Tausende Vögel…»

Fakt ist: Ja, es sterben Vögel durch Windkraftanlagen. Aufgrund der schwierigen Zählung (weil beispielsweise Wildtiere Vögel wegtragen) liegen unterschiedlich Zahlen vor. Die Vogelwarte Sempach nennt ca. 20 pro Anlage und Jahr.

Möglicherweise und je nach Standort sind es deutlich weniger, denn genau dafür gibt es z.B. Fledermausmonitoring und Abschaltungen, während die Fledermäuse jagen. Dasselbe gilt für Vögel, weswegen in der Planungsphase umfangreiche Zählungen von Zug- und Brutvögeln vorgeschrieben sind.

Als Relation: Durch Glasfassaden und Fensterscheiben sterben in der Schweiz jährlich mehrere Millionen Vögel. Unsere Hauskatzen fressen jedes Jahr gut 2 Millionen Vögel und im Strassen- und Bahnverkehr verenden hierzulande 1 Million Vögel pro Jahr.

Ausserdem halten verschiedene Vogelschutzorganisationen, darunter Birdlife, im Klimaatlas über europäische Brutvögel fest, dass 75 Prozent der europäischen Vogelarten durch den Klimawandel bedroht sind. Mit gut geplanten Schutz- und Nutzzonen könnte hier vielleicht ein positiver Impuls gesetzt werden. (Studie von BirdLife und Studie im Kontext der Energiestrategie 2050 [SRF])

Ein Mann steht auf einem Windrad und blickt in die Ferne.
Ein Windrad ragt hinter Baumspitzen hervor.

4.
«… Kommt hinzu, dass Windkraftanlagen die Natur verschandeln und auch in geschützten Landschaften gebaut werden dürfen.»

Fakt ist: Man kann Windkraftanlagen hässlich finden, genauso wie Biogasanlagen, Autobahnen oder Kläranlagen. Dass man sich an solche Infrastrukturen gewöhnt, mögen Windenergiekritiker bezweifeln, doch der älteste und grösste Schweizer Windpark Mont Crosin im bernischen Jura gehört inzwischen zur regionalen Identität.

Die Betreiberin hatte bei der Planung in den 1990er-Jahren mit der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz eine Studie erarbeitet, um landschaftsverträgliche Lösungen zu finden. Dabei wurden auch soziale und identitätsstiftende Aspekte miteinbezogen. So errichtete man beispielsweise einen Erlebnispfad, der einen sanften Tourismus ermöglicht.

Was den Naturschutz betrifft, so hält der Bund im Schweizer Windatlas, einem der Planungsinstrumente für Windkraft, grundsätzliche Ausschlussgebiete fest, darunter Feuchtgebiete, Moorlandschaften, Auengebiete, Waldreservate oder Wasser- und Zugvogelreservate. Zudem müssen Windkraftprojekte ab einer Leistung von 5 Megawatt der gesetzlich vorgeschriebenen Umweltverträglichkeitsprüfung unterzogen werden.

Last, but not least arbeiten Betreiber meist eng mit Umweltverbänden zusammen und planen Ausgleichs- und Wiederherstellungsmassnahmen für die Landschaft, den Boden oder die Flora und Fauna.

Arbeiter beim Aufbau eines Windrades.
Ausschnitt eines Windrades, auf dem das ewz Logo zu sehen ist.
Arbeiter bereiten den Boden für den Bau eines Windrades vor.

5.
«Windkraftanlagen machen vor allem eins: Lärm!»

Fakt ist: Ja, Windenergieanlagen verursachen Geräusche. Doch gerade dafür gelten strenge gesetzliche Anforderungen. Die Lärmschutzverordnung des Bundes schreibt zudem vor, dass die Anlagen nachts noch leiser sein müssen als tagsüber.

Relevant für die Messung der Lärmemissionen ist übrigens nicht die Emission an der Windkraftanlage, sondern der dB-Wert beim nächsten bewohnten Haus. Die Werte sind in der Regel sehr niedrig, um die 25 dB, und es gelten klare Abstandsregelungen zu Wohngebäuden, welche eingehalten werden müssen.

Um sich ein Bild machen zu können: Eine Unterhaltung im üblichen Plauderton entspricht einer Lautstärke von gegen 60 Dezibel und ist direkt unter einer laufenden Anlage, die etwa auf 50 Dezibel kommt, jederzeit möglich, wie «EnergieSchweiz» schreibt.

Die Geräusche der Anlage entstehen, weil sich die Flügel drehen. Um diese Geräusche zu dämmen, werden gebogene Blattenden eingesetzt, welche die Luftwirbel vermindern, was die Anlagen leiser macht. Auch Kämme an den Flügeln bewirken, dass die Anlagen leiser werden.

(Quelle: Energie Schweiz «Windenergie für Winterstrom» und Broschüre: Warum wir auch in der Schweiz Windenergie brauchen sowie Lärmsorgen/Infraschall)

powernewz in Ihrer Mailbox
Nahaufnahme eines sich schnell drehenden Windrades.
Aussicht auf dem Gotthardpass.

6.
«In der Schweiz windet es gar nicht genug, um Windkraftanlagen effizient zu nutzen.»

Fakt ist: Die Windverhältnisse sind in der Schweiz an exponierten Standorten sehr gut respektive gleich gut wie jene unserer Nachbarländer, welche in Sachen Windenergie der Schweiz um Längen voraus sind. Kein ausschliessender Nachteil also.

Messungen zeigen, dass beispielsweise die Anlagen im Rhonetal bei Martigny aufgrund lokal guter Anströmungsverhältnisse ähnlich viel Windstrom wie vergleichbare Anlagen an Küstenstandorten produzieren.

Ein Windpark mit fünf Anlagen steht auf dem Gotthardpass und wurde im Oktober 2020 eingeweiht. Ihr Vorteil: Auf dem Pass bläst der Wind permanent und das teils tagelang mit einer Geschwindigkeit von rund 100 Kilometer pro Stunde. Unter anderem dank dieser guten Windverhältnisse produzieren die Windräder Strom für 4’000 Haushalte.

Gerade die Alpenregionen eignen sich hervorragend für Windkraft, sofern Stromleitungen zum Transport der erzeugten Windenergie effizient verlegt werden können. Entsprechend wurden in den letzten Jahren neue Technologien speziell für die Alpen entwickelt.

Dadurch vereinfachen sich die Montage und die Demontage, der Transport mit normalen LKWs ist möglich und die Installationskosten können bis zu 40 Prozent gesenkt werden. (Quellen: Windatlas-Karte Schweiz [Suisse Eole], Häufige Fragen [Suisse Eole])

Sehr aktuell im Interessenkonflikt: Der Verein ‹Freie Landschaft Schweiz› befürchtet einschneidende Konsequenzen, wenn die Windenergie (zu) stark genutzt und viele Anlagen gebaut würden. Der Kanton Zürich relativiert und weist die Szenarien zurück [Tagblatt vom 03.08.2022]

ewz erklärt zur aktuellen Frage rund um Zürich: ewz habe bis anhin an anderen Standorten in der Schweiz und im Ausland wesentlich bessere Voraussetzungen für Windkraft identifiziert und deshalb den Ausbau dort vorangetrieben.

Gute Windstandorte müssten sich auszeichnen durch:

  • gute Windverhältnisse
  • einfache Netzanschlüsse
  • wenige Eingriffe in die Natur
  • optimale Bewilligungsprozesse oder wenige Beeinträchtigungen der Bevölkerung.

Zudem müssten die wirtschaftlichen Anforderungen für eine nachhaltige Stromerzeugung erfüllt sein. Deshalb habe ewz noch keine vertiefte Prüfung im Kanton Zürich vorgenommen.

Übrigens: Zwischenzeitlich besitzt ewz und damit die Stadt Zürich über 20 Windparks in Deutschland, Frankreich, Norwegen und Schweden. Mit diesem Windproduktionsportfolio werden jährlich 1171 GWh Windstrom produziert. Das entspricht etwa einem Drittel des Strombedarfs der Stadt Zürich.

7.
«Die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung ist gegen den Bau von Windkraftanlagen.»

Fakt ist: Die Mehrheit der lokalen Bevölkerung unterstützt Windenergie, wenn sie bei den Projekten miteinbezogen wird und das Projekt möglichst konkret ausgearbeitet ist.

So zeigt eine Auswertung von «EnergieSchweiz», dass die Bevölkerung zwischen 2012 und 2019 in 13 von 16 Fällen zugunsten der Windparkprojekte abstimmte. Das sind über 80 Prozent.

Suisse Eole, die Vereinigung zur Förderung der Windenergie in der Schweiz, hat eine ähnliche Auswertung für 22 Abstimmungen gemacht, von denen 19 mit teils grosser Mehrheit angenommen wurden. Es bröckeln also auch durchaus verbreitete Argumente gegen Windkraft.

«Die weit verbreitete Idee gewisser Windkraftgegnerorganisationen, die behaupten, die Mehrheit der Bevölkerung zu vertreten, wenn sie gegen Windparkprojekte Einsprache erheben oder Rekurs einleiten, ist daher völlig falsch», schreibt die Vereinigung. Die Mehrheit der Bevölkerung unterstütze Windenergieprojekte, wenn sie gut informiert sei.

Mehrere Windräder, die zwischen Feldern stehen.

8.
«Und was ist eigentlich mit der Ökobilanz der Ungetüme? Die ist bestimmt sehr schlecht!»

Fakt ist: Eine Windkraftanlage produziert während ihrer Betriebsdauer von 20 bis 25 Jahren 40-mal so viel Energie, wie für ihren Bau, die Montage, die Nutzung sowie Recycling und Entsorgung benötigt wird.

In Sachen Ökobilanz schneiden Windenergieanlagen mitunter am besten ab, sowohl was die Umweltbelastungspunkte (UBP) als auch die ausgestossenen CO2-Äquivalente pro Kilowattstunde (kWh) Strom betrifft. Zu diesem Schluss kommt eine Studie im Auftrag des BFE, welche die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) durchgeführt hat.

Nach der Wasserkraft ist die Windenergie die ökologischste Variante, Strom zu erzeugen. Pro kWh Strom verursacht eine Anlage durchschnittlich 26 g CO2-Äquivalente. Zum Vergleich: Solarenergie erzeugt rund 42 g, der Schweizer Durchschnitt liegt bei rund 136. Bei den UBP kommt Windstrom auf knapp 73, Solarenergie auf 266, Erdgaskraftwerke auf 363 und der Schweizer Verbrauchermix auf 377 Punkte. Einzig Wasserkraft schneidet mit durchschnittlich 53 UBP noch besser ab als Windkraft.

Gewusst? Der Rückbau einer Windkraftanlage dauert rund 1 Monat. 80 bis 90 Prozent der Materialien werden recycelt und in den Kreislauf zurückgeführt. (Quelle)

9.
«Wo Windkraftanlagen errichtet werden, verlieren Immobilien und Grundstücke an Wert!»

Fakt ist: Mehrere Studien haben gezeigt, dass Windkraftanlagen und Windparks keinen Einfluss auf die Immobilienpreise haben. So hat das Beratungsunternehmen Wüest Partner im Auftrag des BFE und des Kantons Thurgau den Einfluss von Windenergieanlagen auf Immobilienpreise untersucht. Zwischen 2000 und 2018 wurden 65’000 Transaktionen von Einfamilienhäusern untersucht.

Die Daten wurden im Umkreis von 10 Kilometern rund um die knapp 40 bestehenden und über 170 geplanten Anlagen erhoben. Dabei konnte das Beratungsunternehmen keine Wertminderungen feststellen.

(Quelle: Broschüre Energie Schweiz; Download PDF: Winterstrom für die Schweiz: Warum wir auch in der Schweiz Windenergie brauchen)

Warum ewz und die Stadt Zürich konsequent auf erneuerbare Energien setzen und wie wichtig die Stromproduktion aus einheimischer Wasserkraft ist, erfahren Sie auf unserer Website.

In der ewz-Chronik finden Sie zudem die Meilensteine der Stadtzürcher Elektrifizierung ab 1890 sowie viele Bildimpressionen aus dieser Zeit im Zürcher Stadtarchiv.

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