Magazin Rubriken Wasserkraft
Ute Karaus, Isabella Hegglin Blumenthal und eine dritte Person auf dem Weg zum Fluss.

Auf Biodiversitäts-Check im wilden Gebirgsfluss

Das Wasserkraftwerk Lizun an der Maira ist eines der fünf «naturemade star»-Kraftwerke von ewz. Der Biodiversitäts-Check im Gebirgsfluss zeigt, ob mit gezielten Massnahmen die Artenvielfalt gefördert werden konnte.

Es ist Mitte Juni 2022. Vom wolkenlosen Himmel im bündnerischen Bergell scheint die Sonne auf das Tal und die wilde Maira. Hier, mitten im Fluss, wühlt die ewz-Gewässerökologin Ute Karaus in hüfthohen Gummistiefeln den Boden im Flussbett auf – ganz im Namen der Biodiversität versteht sich. Denn unweit flussaufwärts befindet sich der Stollen für die Wasserentnahme.

Hier wird ein Teil des Wassers umgeleitet und weiter unten im Kraftwerk Lizun zur Stromerzeugung genutzt. Es ist eines der fünf Wasserkraftwerke von ewz, die 100% «naturemade star»-zertifizierten Ökostrom produzieren. Einige unserer Wasserkraftwerke laden zu einer Besichtigung ein – interessant für die ganze Familie.

Alle fünf Jahre macht Ute Karaus eine gewässerökologische Untersuchung für die Rezertifizierung des Kraftwerks. Nur wenn die Artenvielfalt im Fluss intakt ist und die strengen Auflagen des «naturemade star»-Gütesiegels erfüllt sind, gilt der Strom als ökologisch produziert und darf als Ökostrom bzw. Naturstrom, ewz.pronatur, an die Kundinnen und Kunden der Stadt Zürich abgegeben werden.

Mitten im Fluss wühlt die ewz-Gewässerökologin Ute Karaus in hüfthohen Gummistiefeln den Boden im Flussbett auf.
Gewässerökologin Isabella Hegglin Blumenthal installiert sich am Flussufer.
Das Tal im bündnerischen Bergell und die wilde Maira.
Ute Karaus und Isabella Hegglin Blumenthal stehen bzw. sitzen am Flussufer.

Der Oberlauf gibt die Artenvielfalt vor

Um das grosse Ganze der Artenvielfalt im Fluss zu erfassen, nimmt die Gewässerökologin an verschiedenen Stellen auf einer Länge von je rund 150 Metern Proben. Jene vom Oberlauf des Flusses, bevor ein Teil des Wassers durch den Stollen abfliesst, sind der Gradmesser für die unbeeinträchtigte Artenvielfalt. Die Restwasserstrecke zwischen Stollen und Kraftwerk soll eine ebenso hohe Biodiversität aufweisen.

«In der Maira leben verschiedene Arten an wirbellosen Tieren wie Schnecken, Würmer, Krebse und Insektenlarven», sagt Karaus. Die Tiere, die teils nur zwei, drei Millimeter gross sind, sammelt sie mit einem sogenannten Surber Sampler, einem Netz, das an einem rechteckigen Rahmen befestigt ist. «Pro Quadratmeter finden sich manchmal mehrere Tausend Tiere.»

Begleitet wird Karaus von der Gewässerökologin Isabella Hegglin Blumenthal von der AquaPlus AG. Sie nimmt die gesammelten wasserwirbellosen Tiere, die man auch einfach Wasserwirbellose nennt, mit und bestimmt sie später im Labor mit einem Stereomikroskop.

«Pro Quadratmeter finden sich manchmal mehrere Tausend Tiere.»

So wird die Biodiversität gemessen

Gerade in einem Gebirgsfluss wie der Maira ist die Strömungsvielfalt sehr gross und entsprechend weist der Fluss eine grosse Biodiversität auf – zumindest bei den wirbellosen Tieren.

Jede der gefundenen Arten hat ihre eigenen Ansprüche an die Lebensbedingungen: Die eine braucht eine starke Strömung, die andere bevorzugt Stillwasserbereiche, manche leben in den Lücken zwischen den Gesteinsschichten der Gewässersohle, andere auf oder unter grossen Steinen und weitere sind empfindlich gegenüber nährstoffreichem Wasser. «Anhand der gefundenen Arten und ihrer Häufigkeit kann ich dann Rückschlüsse auf die Qualität des Gewässers ziehen», sagt Karaus.

Daneben analysiert sie auch jene Faktoren der Wasserkraftnutzung, die einen wichtigen Einfluss auf die Gewässerökologie haben, zum Beispiel den Einfluss von Restwassermengen auf die Vernetzung des Gewässers mit Zuflüssen.

Ute Karaus steht knietief im Wasser und nimmt Proben.
Nahaufname davon, wie Ute Karaus den Boden aufwühlt.
Nahaufnahme eines Insekts, das auf einem Stein sitzt.

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Das Tal im bündnerischen Bergell und die wilde Maira.

Heimat der Bachforelle

Jeweils im Herbst findet noch die Fischzählung statt. Wobei die Artenvielfalt bei den Fischen etwas anders aussieht als bei den Wasserwirbellosen. Tatsächlich nutzt praktisch ausschliesslich die Bachforelle diesen Abschnitt der Maira als Lebensraum. «Das liegt an den Lebensbedingungen, die ein Fluss wie die Maira auf diesem Abschnitt bieten kann», erklärt Karaus.

Dass praktisch ausschliesslich die Bachforelle diesen Lebensraum nutzt, liegt an den Lebensbedingungen, die ein Fluss wie die Maira auf diesem Abschnitt bieten kann.

Grössere Artenvielfalt dank mehr Restwasser

Zeitsprung: Inzwischen sind über sieben Monate vergangen. Es ist Mitte Januar 2023 und die Resultate sind ausgewertet. Ute Karaus ist sehr zufrieden, denn die Artenvielfalt im Einflussbereich des Kraftwerks entspricht jener der Referenzstrecke oberhalb des Kraftwerks und hat etwas zugenommen. Zwischen 42 und 46 Arten an Wasserwirbellosen kommen im Einflussbereich des Wasserkraftwerks vor.

Auch zwei Köcherfliegenarten wurden gesichtet, die zu den potenziell gefährdeten Arten zählen und auf der Roten Liste stehen. Die Larven dieser Fliegen brauchen eine starke Strömung. «Seit die Restwassermenge erhöht wurde, haben die Arten, welche eine starke Strömung brauchen, stark zugenommen, was eine wirklich gute Entwicklung der Biodiversität ist», sagt sie.

Zum Vergleich: Vor der Erhöhung der Restwassermenge fand man zwischen 29 und 37 Arten. [Siehe auch: Erneuerbare Energien]

Isabella Hegglin Blumenthal steht im wilden Fluss und nimmt Proben.
Isabella Hegglin Blumenthal lässt Wasser durch einen Filter rinnen.
Nahaufnahme eines Insekts, das auf einem Stein sitzt.
Die beiden Frauen untersuchen am Flussufer, was sie im Netz gefangen haben.

Viele Bachforellen trotz heissem Sommer

Anhand der Anzahl und Grösse lässt sich bestimmen, ob die Fischpopulation gesund und die Lebensgrundlagen im Gewässer für die Fische ideal sind. Die Fischzählung hat gezeigt, dass sich die Bachforelle, die sich in sauerstoffreichen, klaren und kühlen Fliessgewässern am wohlsten fühlt, trotz des heissen Sommers 2022 gut entwickelt hat.
Artikeltipp: Folgen des Klimawandels / Hitzeinseln

Der Bestand an Fischen, die jünger als ein Jahr sind, sei sehr gut, was darauf hinweise, dass es einen natürlichen Laich gegeben habe, der sich entwickeln konnte, erklärt Karaus.

Das Tal im bündnerischen Bergell und die wilde Maira.

150 Seiten über den Zustand des Flusses

Ute Karaus sitzt an ihrem Schreibtisch im Büro und verfasst den Bericht über die Dynamik sowie den ökologischen Zustand der Maira und ihrer Lebensgemeinschaften. Sie hält unter anderem fest, ob und wie die Verbindungen zu den Zuflüssen für Fische passierbar sind.

«So ein Gutachten umfasst etwa 150 Seiten», sagt Karaus. Es wird im Anschluss geprüft, und danach gibt es eine Besprechung mit dem Kraftwerksleiter und der Leadauditorin von der unabhängigen Zertifizierungsstelle Swiss Safety Center.

Werden Defizite festgestellt, definiert man gemeinsam Verbesserungsmassnahmen, die je nach Relevanz innert kürzerer oder längerer Frist erfüllt werden müssen. «Ein Beispiel wäre, dass die Fische unterhalb der Staumauer des Kraftwerks nicht flussaufwärts zu ihren Laichstätten gelangen können. Dies muss dann durch den Bau einer Fischtreppe behoben werden», sagt Karaus.

Kleine Veränderungen bringen mehr Schutz für Fische

Manchmal können die Massnahmen auch sehr einfach sein. Beispielsweise beim Wasserkraftwerk Höngg in Zürich, wo man den Kiesschütz, also den Teil, wo das Geschiebe und die Fische das Kraftwerk passieren können, nur noch öffnet, wenn der Wasserstand hoch genug ist, sodass die Fische im unteren Wasserbecken sanft landen und weiterschwimmen können. 

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Was ewz sonst noch für die Artenvielfalt tut

Allein in Zürich umfassen die Grünflächen um und auf den Anlagen von ewz rund 160’000 m2. Hier wird die Biodiversität bereits auf einem Teil der Grünflächen gefördert. So sind beispielsweise die Grünflächen des Unterwerks Auwiesen sowie des Wasserkraftwerks Höngg von der Stiftung Natur und Wirtschaft zertifiziert. Die Stiftung zeichnet Firmenareale aus, die durch ihren besonderen ökologischen Wert einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der natürlichen Artenvielfalt und der Lebensqualität leisten.

Weitere ökologische Massnahmen sind in Planung. «Wir wollen bedrohte Arten, die in und um Zürich vorkommen, sowie die Artenvielfalt allgemein auf unseren Grünflächen fördern», sagt Karaus. Künftig sollen dort Mauersegler, Grünspecht, Igel, Grasfrosch, Gelbbauchunke oder Zaun- und Mauereidechse sowie verschiedene Insekten geeignete Unterkünfte und Futter erhalten.

«Neben der Förderung der Biodiversität im aquatischen Bereich mithilfe der Ökostrom-Zertifizierung können wir unser Know-how und unsere Ressourcen nutzen, um die Artenvielfalt auf unseren Grünflächen zu stärken», sagt Karaus.

Siehe auch: Geschäfts- und Nachhaltigkeitsberichte von ewz

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