Magazin Rubriken Energieeffizienz

Schifffahrt vs. Autoverkehr – die unbequeme Wahrheit

Kolumne von christof drexel, 17.3.2020
Portrait Christof Drexel

Buchautor und Referent Christof Drexel ist Experte für Fragestellungen rund um die Energiezukunft und deren nachhaltige Erreichbarkeit. Mehr zu seiner Person im Portrait, seine Meinungsartikel erscheinen alle 2 Wochen als Kolumne auf powernewz.

Unglaublich, wie lange sich Fehlinterpretationen von wissenschaftlichen Studien halten können. Insbesondere dann, wenn sie eine «bequeme Wahrheit» darstellen. Im Jahr 2012 wurde der Naturschutzbund Deutschland (NABU) wie folgt zitiert: «Die 15 grössten Seeschiffe der Welt stossen jährlich mehr schädliche Schwefeloxide aus als alle 760 Millionen Autos weltweit.» Und noch heute hört oder liest man, dass die Schifffahrt ja viel klimaschädlicher sei als das Autofahren. Es ist halt immer angenehm, wenn die grössere Schuld bei den anderen liegt.

Abgesehen davon, dass es zu dieser Zeit bereits mehr als eine Milliarde Autos gab (heute sind es etwa 1,3 Milliarden), liegt das grosse Missverständnis bei der Art des Schadstoffs: Schwefeldioxid ist nicht gleich (klimaschädliches) Kohlendioxid.

Hierzu einige Fakten:

Bis vor kurzem war es erlaubt, Schiffe mit schwerem Dieselöl mit einem Schwefelgehalt von 3,5% zu betanken [Quelle]. Der Schwefelgehalt für Treibstoffe im Strassenverkehr darf demgegenüber nur noch 0,001% betragen. Die Schwefelemission pro Liter Treibstoff war also in der Schifffahrt um 3’500-mal höher als beim PKW. Der (klimaschädliche) Kohlendioxidausstoss der Treibstoffe unterscheidet sich hingegen kaum. Seit 2020 muss Schiffsdiesel mit 0,5% Schwefel auskommen, in sensiblen Regionen gilt schon ein Grenzwert von 0,1%. Schwefeldioxid ist ein Schadstoff, der – ebenso wie Russ, Feinstaub und Schwermetalle – die Luftqualität in Küstennähe massiv beeinträchtigt und darüber hinaus noch zur Versauerung der Meere beiträgt; deswegen ist die fortlaufende Reduktion der Grenzwerte wichtig. Aber Schwefeldioxid ist kein Treibhausgas.

Selbstverständlich trägt auch die Schifffahrt zur globalen Erwärmung bei. Global handelt es sich jährlich um etwa 1 Milliarde Tonnen CO2; das sind etwa 2,6% der gesamten CO2-Emissionen, ähnlich dem Flugverkehr. Der Strassenverkehr steuert demgegenüber etwa 18% bei, also etwa 7-mal so viel [Quelle].

Bezogen auf die beförderte Fracht gehört der Transport auf dem Seeweg zu den klimafreundlichsten Möglichkeiten: Nur 34 Gramm CO2 fallen pro Tonnen-Kilometer an. Das ist deutlich besser als der LKW (112 Gramm) und fast um den Faktor 40 besser als die Flugfracht (über 1’300 Gramm). Nur auf der Schiene wird mit 18 Gramm noch weniger emittiert [Quelle].

Die Klimaschutz-Priorität ist beim Strassenverkehr durchaus richtig angesiedelt – doch auch die Emissionen aus der Schifffahrt müssen reduziert werden. Schwefeldioxid und all die anderen Schadstoffe aus Gründen der Luftreinhaltung, Kohlendioxid für den Klimaschutz. Technisch gesehen helfen z.B. Schiffsmotoren, die mit Flüssiggas betrieben werden.

Würden wir aber wieder vermehrt Produkte aus Europa statt aus Asien konsumieren, wären viele Schiffskilometer gar nicht mehr erforderlich. Auch wenn es Ihnen schon bekannt vorkommt: Suffizienz und Effizienz, nicht oder!

powernewz in Ihrer Mailbox

Artikel teilen

weitere Artikel

01.12.2020

Öffentlicher Verkehr: elektrisch nachhaltiger?
Kolumne
Ein Mann steht vor einer Wand mit Smartmetern und schreibt auf einem digitalen Touchpad

05.02.2021

Smart Meter – Wenn der Stromzähler intelligent wird
Versorgungssicherheit
Porträt von Christof Drexel

06.04.2021

CO2-Filter für zu Hause?!
Kolumne
Illustration mit Blick aus einem Fenster, aus dem man eine Stadt sieht mit rot glühendem Himmel.

17.07.2023

Folgen des Klimawandels für Städte – Hitze als Problem
Klimawandel Schweiz

18.02.2022

Direkte vs. indirekte CO2-Emissionen
E-Mobilität Schweiz
Claudia Pasquero und Marco Poletto vom Ecologic Studio in London

14.06.2019

Es lebe die Algen-Architektur!
Klimawandel Schweiz

21.01.2022

Energie­­autarkes Dorf: Geht das?!
Kolumne
Eine Luftaufnahme vom Pflegezentrum Entlisberg mit eiber Photovoltaikanlage auf dem Dach.

15.07.2022

Mehr Solarstrom für Zürich – doch wo liegen die Grenzen?
Solarenergie
Kommentare

1500 Zeichen übrig

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht publiziert.

Bisherige Kommentare (3)
Beat Reuteler sagt:

Wieso soll die Priorität beim Strassenverkehr liegen? Die Gebäudeheizungen könnten doch erheblich leichter von den fossilen Energieträgern loskommen?

powernewz-Team sagt:

Guten Tag Herr Reuteler
Zum Energieverbrauch von Heizungen und deren Ersatz wollten wir es ebenfalls genauer wissen und sprachen mit Anna Schindler, der Direktorin der Stadtentwicklung Zürich:
https://www.powernewz.ch/2020/oekologisch-und-sozial-sanieren-zh/

Freundliche Grüsse, Esther Peter

Christof Drexel sagt:

Das mit der Priorität bezog sich zunächst auf die Mobilität: Der Strassenverkehr ist innerhalb aller Verkehrsbereiche dominant. Gesamthaft spielen natürlich die Gebäude eine ebenso wichtige Rolle.