Bezahlbare Nachhaltigkeit:
«Nur so wird sich die Welt verändern.»

In Burgdorf entsteht das grösste Holzbau-Projekt in Minergie-A-ECO aus Schweizer Holz. Ziel: Nachhaltigkeit erschwinglich machen. Bauherr und Investor Strüby sagt: «Alle müssen nachhaltig leben können.»

Vom Gemüse im Zero-Waste-Laden über Kleider aus nachhaltiger Produktion bis hin zum Auto mit Steckdose: In den allermeisten Fällen sind nachhaltige Produkte teuer. «Damit habe ich ein grundsätzliches Problem», sagt Paul Muheim, «nur wenn alle Menschen – unabhängig vom Umfang des Portemonnaies – nachhaltig leben können, wird sich die Welt wirklich verändern». Bezahlbare Nachhaltigkeit ist also gefragt.

Paul Muheim ist Leiter Projektentwicklung bei Strüby, einer Innerschweizer Architektur-, Holzbau-, und Immobilienfirma. Und er ist bei seinem Lieblingsthema angelangt: nachhaltiges Wohnen. Wir stehen auf einer riesigen Baustelle in Burgdorf, eine halbe Stunde vor Bern. Hier baut Strüby das Fischermätteli, 169 Wohnungen im Minergie®-A-ECO-Standard, oder wie Muheim sagt: «Wohnungen, die möglichst «Energie-neutral» und bezahlbar sind.» Neben dem nachwachsenden Baustoff Holz ist auch die Energieversorgung mit Photovoltaik sowie nachhaltiger Wärmelösung und Elektroauto-Ladestationen von ewz voll und ganz auf ein CO2-reduzierendes Areal ausgerichtet.

Blick auf die gesamte Baustelle mit Häusern im Aufbau, Kräne und Baumaterial.
Drohnenaufnahme Vogelperspektive des Bauareal
Sicht von aussen auf ein eingerüstetes Gebäude im Bau.
Zwei Kranen, die eine gelbe Blache von Wandelementen heben.
Paul Muheim postiert sich vor einer aufgespannten, gelben Strüby-Blache.
Eine riesige gelbe Blache ist an einem Ende in der Höhe befestigt (nicht auf dem Bild sichtbar) und wird auf der andere Seite von einem Arbeiter in Position gezogen.

«Wir bauen hier Wohnungen, die möglichst ‹Energie-neutral› und bezahlbar sind.»

Lego für Erwachsene

Und tatsächlich: Die Wohnungen tragen erschwingliche Preisschilder, sie kosten zwischen 295’000 Franken (2,5 Zimmer) und 935’000 Franken (5,5 Zimmer Attika). Wie ist das möglich? «Beim Holzbau gibt es grosse Skaleneffekte», weiss Muheim, «je ähnlicher sich die einzelnen Bauelemente sind und je grösser das ganze Projekt, desto effizienter und entsprechend günstiger wird es». Das Fischermätteli ist das «grösste Holzbau-Projekt der Schweiz im Minergie-A-ECO-Standard mit Schweizer Holz», so Muheim. Es kann sehr kostenbewusst gebaut werden.

Wo wir stehen, wird zurzeit das erste Haus hochgezogen. Um den Betonkern – «Wir arbeiten daran, den künftig auch aus Schweizer Holz zu fertigen», sagt Paul Muheim – werden Wände, Decken und Fassaden aufgestellt. Es sieht aus wie Lego für Erwachsene: Alle zehn Minuten bringt der Kran ein neues, vorgefertigtes Element und die Arbeiter fügen es in die bestehende Struktur ein. «In bloss 15 Arbeitstagen ist das ganze Haus mit vier Stockwerken und 18 Wohnungen aufgerichtet», so Muheim. Ende 2019 wurde die Baustelle eröffnet, Mitte 2021 ziehen die ersten Bewohner ein.

Holz sei der «Baustoff des 21. Jahrhunderts», so die Aarauer Nachrichten, denn Holz speichert CO2 und belastet die Umwelt weniger als Beton. Das Magazin des Tages-Anzeigers fragt sogar: «Können Bäume die Welt retten?». Auch powernewz berichtete schon über die Vorteile vom Bauen mit und Nutzen von Holz (hier). Im Fischermätteli werden ausschliesslich heimische Fichten und Tannen verwendet, die im Produktionszentrum von Strüby in Root (Luzern) zu Wand-, Boden- und Deckenelementen verarbeitet werden und montagefertig auf der Baustelle eintreffen, komplett mit Fensterscheiben und Steckdosen und der aufgesetzten Fassadenverkleidung in Holz. Auch die Regionalität hilft dabei, bezahlbare Nachhaltigkeit zu schaffen.

Baustellensituation, in der ein Arbeiter über Plattformen läuft, um zu abgestellten Wandelementen zu gelangen.
Eine von einem Kran getragene Holzwand schwebt in der Luft.
Zwei Arbeiter montieren ein Wandelement.
Ein Arbeiter geleitet ein Wandelement, das vom Kran getragen wird, an die richtige Position.
Zwei Arbeiter montieren ein Wandelement.

Der Betrachter steht mitten in einem halbfertigen Haus und hat dabei Blick auf die Wandelemente.

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Leben mit Holz und Sonne

Und wie wird die Pioniersiedlung zum Plusenergie-Gebäude? Der erneuerbare Strom stammt aus Photovoltaikanlagen. «Wir müssen Hochleistungsmodule verwenden», sagt Christian Rolli, der das Fischermätteli für ewz begleitet. «Die Fläche auf dem Dach ist relativ klein und die Vorgabe lautete, dass die Anlage den Eigenbedarf über das Jahr decken muss.» Auch die übrige Energie wird erneuerbar produziert, mit einer Pelletheizung und ebenfalls mit Schweizer Holz aus der Region.

Alle zehn Mehrfamilienhäuser bilden einen sogenannten Zusammenschluss zum Eigenverbrauch (ZEV). Mit dem ZEV und einem ausgeklügelten Messsystem kann der selbst produzierte Solarstrom den verschiedenen Eigentumswohnungen zugeordnet werden. So lässt sich der individuelle Stromverbrauch exakt verrechnen. Der überschüssige Solarstrom wird ins öffentliche Stromnetz zurückgespiesen.

Rund 800 Zähler zeichnen den Verbrauch der Bewohnerinnen und Bewohner des Fischermätteli auf. ewz bereitet für alle Stockwerkeigentümerinnen und -eigentümer eine zentrale Abrechnung auf für Wasser, Heizung, Energie und Abwasser. «Klingt einfach», sagt Christian Rolli, «doch es ist hochkomplex, den Verbrauch genau zuzuordnen. Die volle Transparenz ist Teil des Minergie®-A-ECO-Standards».

«Klingt einfach, doch es ist hochkomplex, den Verbrauch genau zuzuordnen.»
Innenansicht eines Raumes, in dem die Wände bereits aufgebaut sind, die Fenster jedoch noch mit Folie abgedeckt sind.
Blick leicht von oben auf installierte Wandelemente. Es lassen sich einzelne Räume erkennen.
Ein Arbeiter schreitet durch den Eingang eines Betongebäudes. Man sieht nur den unfertigen Eingangsbereich von aussen.
Detailansicht auf eine bereits fertig installierte Hausfassade, Blick von aussen. Das Baugerüst steht immer noch vor dem Gebäude.

Bezahlbare Nachhaltigkeit in Burgdorf, der velofreundlichsten Stadt der Schweiz

Vom kantonalen Förderprogramm für erneuerbare Energie und Energieeffizienz erhält das Projekt Fischermätteli nach dem Erhalt des definitiven Minergie-Zertifikats 2,15 Millionen Franken. Im Antrag wird vermerkt, dass die «Gebäude nur rund halb so viel Energie verbrauchen, als wenn sie nach den gesetzlichen Anforderungen gebaut würden.» Strüby, die das Fischermätteli nicht nur plant und baut, sondern auch die Investorin ist, reicht den Förderbetrag an die Wohnungsbesitzerinnen und -besitzer weiter – wodurch die Wohnungen noch erschwinglicher werden.

Das Fischermätteli liegt knapp 10 Busminuten vom Bahnhof Burgdorf entfernt. Die Haltestelle ist gleich vor dem Areal. ewz baut Ladestationen für bis zu 70 Elektroautos in der Garage, zwei weitere (E-Mobilitäts-)Fahrzeuge stehen den neuen Eigentümern zum Mieten zur Verfügung. Ausserdem gibt es mehr als 300 Veloabstellplätze davon 22 mit Lademöglichkeit für Elektrovelos. Burgdorf wurde drei Mal der Titel «velofreundlichste Stadt» der Schweiz verliehen.

Der grösste Ort des Emmentals boomt auch sonst: Die Einwohnerzahl nimmt seit dem Jahr 2000 kontinuierlich zu, letztes Jahr zählte die Stadt, deren Burg bereits 1175 erwähnt wurde, 16’543 Einwohnerinnen und Einwohner – und bald sind es 169 Haushalte mehr, die (fast) keine Energie verbrauchen.

Hier finden Sie mehr über das Projekt Fischermätteli und das ewz-Rundumpaket mit

  • CO2-neutraler Wärmelösung mit Holzpellets und Areal-Wärmenetz
  • Photovoltaik-Lösung mit Zusammenschluss zum Eigenverbrauch
  • E-Mobility mit intelligentem Lademanagement
  • Multimedien-Nebenkostenabrechnung
  • Bereitschaftsdienst rund um die Uhr
    sowie
  • Energiemonitoring und Betriebsoptimierung

Möglichst klimaneutraler Betrieb

Der Energieverbrauch von Gebäuden verursacht hohe CO2-Emissionen. Um die Klimaziele zu erreichen, müssen diese bei Neubauten und Sanierungen möglichst minimiert werden. ewz hat dafür die Vision 100/100 entwickelt, um gemeinsam mit Kundinnen und Kunden 100 Areale zu 100 Prozent klimaneutral zu betreiben. Und das bis 2030.

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Kommentare

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Bisherige Kommentare (2)
Lennart Rogenhofer sagt:

Guten Tag! Spannender Artikel und super Projekt. Ich würde gerne Nachfragen wie die Klima-Neutralität gemessen und nachgewiesen wurde? Während sicherlich viele CO2 Emissionen gespart wurden durch Hybrid-Holzbau – ist das Projekt wirklich Klimaneutral? Wie wurden z.B. die Emissionen des Betonkernes kompensiert?

powernewz-Team sagt:

Guten Tag Herr Rogenhofer. Besten Dank für Ihren Kommentar, wir haben uns daraufhin lange mit unserem Kolumnisten und Energieexperten Christof Drexel (https://www.powernewz.ch/contributors/christof-drexel/) über das Thema unterhalten. Er hat uns diverse Aspekte genau erläutert, wie bspw. a) Auch PV-Energie hat einen Fussabdruck: Mit rund 30-50 g_CO2/kWh viel weniger als etwa Strom aus einem Gas-Kraftwerk (~400), aber eben nicht Null oder b) Dasselbe gilt für die Wärme aus Pellets – die müssen produziert und transportiert werden, was ebenfalls mit rund 30 g_CO2e/kWh verbunden ist. Und über die rechnerische Handhabung von Holz als Baumaterial wird ja noch viel diskutiert – um nicht zu sagen gestritten. Gut ist es in jedem Fall; Drexel setze als grobe Daumenregel an, dass der Fussabdruck um zwei Drittel reduziert wird. Für die Errichtung werden neben Holz auch viele andere Baustoffe eingesetzt (u.a. der emissionsintensive Beton). Darüber hinaus müssen alle Baustoffe (auch Holz) transportiert werden, die Baustellenfahrzeuge, der Baustellenstrom etc.

Bei den Projekten mit unseren Kundinnen und Kunden versuchen wir seitens ewz einen möglichst energieneutralen Betrieb zu erreichen. Und müssen auch bei unseren Formulierungen in der Kommunikation gut acht geben, da haben Sie recht. Beste Grüsse aus der Redaktion