Portrait Christof Drexel

Grünes Gas: ein wertvolles Gut

Kolumne von christof drexel, 08.06.2021

Wenn wir unsere Gesellschaft dekarbonisieren möchten, müssen wir uns über kurz oder lang auch vom Gas verabschieden. Genauer: vom Erdgas. Der fossile Brennstoff sollte in Zukunft unter der Erde bleiben, um keinen Schaden anzurichten. Grünes Gas hingegen wird noch eine wichtige Rolle spielen – doch was ist das genau: grünes Gas?

Grünes Gas? Biogas? Biomethan?

Biogas – auch «Biomethan» – kann aus Klärschlamm, aus Abfällen der Landwirtschaft und aus der Lebensmittelproduktion gewonnen werden. Die Ausbaupotenziale sind leider durchwegs gering.

Man kann auch eigens für die Produktion dieses Gases Energiepflanzen anbauen. Wenn hiermit relevante Mengen produziert werden sollen, müssen dafür allerdings riesige, wertvolle landwirtschaftliche Flächen verwendet werden. Diese Flächen stünden dann dem Anbau von Lebensmitteln nicht mehr zur Verfügung, was im grossen Stil – auch in ethischer Hinsicht – Konflikte mit sich bringt. Ausserdem sind mit dieser Herstellungsart durchaus relevante Treibhausgasemissionen verbunden (Quelle); sie ist somit auch diesbezüglich keine Lösung.

Auch aus Holz kann man mithilfe einer thermo-chemischen Umwandlung Gas gewinnen. Die verfügbare feste Biomasse ist aber schon für andere Zwecke im Einsatz (Raumwärme) und steht darüber hinaus für Prozesswärme im mittleren Temperaturbereich sowie für wertvollen Winterstrom hoch im Kurs.

Letztlich steht auch – wie immer, wenn man heutzutage über Energiethemen spricht – Wasserstoff zur Debatte. Wasserstoff kann direkt als brennbares Gas eingesetzt werden, was allerdings hohe und vor allem neue Anforderungen an die (bestehenden) Gasbrenner stellt. Einfacher hätten es diese Geräte, würden wir den Wasserstoff mit CO2 reagieren lassen (4 H2 + CO2 => CH4 + H2O) und EE-Methan herstellen, also Methan auf Basis erneuerbarer, elektrischer Energie. Das ist aber wiederum mit Verlusten und somit hohen Kosten verbunden.

Wo liegen denn nun die Chancen für grünes Gas?

Man sieht: Einfach wird es nicht mit dem grünen Gas. Deshalb sollten wir bei der Planung der Substitution Alternativen prüfen: So wird das teure grüne Gas bei der Raumheizung künftig wohl keine Rolle spielen, weil die Wärme etwa mithilfe von Wärmepumpen effizienter und kostengünstiger eingebracht werden kann.

Auch bei der Prozesswärme lohnt es sich, genau hinzuschauen: Temperaturen unter 100 °C (die immerhin etwa ein Drittel des gesamten Prozesswärmebedarfs ausmachen) können mit (Gross-)Wärmepumpen wirtschaftlicher bereitgestellt werden. Für Temperaturen bis 500 °C stellt feste Biomasse künftig eine attraktive Option dar.

Fazit:
Grünes Gas wird also vor allem für sehr hohe Temperaturen, das heisst über 500 °C, zum Einsatz kommen. Ob es ein Mix der beschriebenen Produktionsverfahren sein wird oder sich einzelne Technologien durchsetzen werden, kann heute vermutlich noch niemand sagen.

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