Die Simmi mit ihren natürlich geformten Uferböschungen. Im Hintergrund bewaldete Hügel.

Diese Renaturierung schafft ein Zuhause für bedrohte Tiere

Wegen eines Fischs sollte die Gemeinde Gams die Simmi renaturieren. Doch zuerst stehen Skepsis und die grosse Frage nach der Finanzierung im Weg. Zwei Asse im Ärmel des Gemeindepräsidenten bringen die Lösung und dem Dorf ein Naherholungsgebiet.

Der Gamser Gemeindepräsident Fredy Schöb steht am Ufer der Simmi im St. Galler Rheintal. Er zeigt auf eine Infotafel, auf der man die Geschichte über die Nase lesen kann. Noch in den 1950er-Jahren schwamm der Fisch in dichten Schwärmen die Flüsse und Bäche aufwärts, um zu laichen. Heute ist er vom Aussterben bedroht und steht europaweit unter strengem Schutz.

Bevor die Simmi kanalisiert wurde, war auch sie ein Laichgebiet der bedrohten Nase – und das soll sie wieder werden. Der Bach wurde wegen seines Potenzials Teil des nationalen WWF-Projekts «Der Nase nach – für lebendige Flüsse».

Obwohl zu Beginn viel Skepsis und wenig Geld vorhanden war, ist die Simmi heute auf einer Länge von knapp einem Kilometer «von ihrem Korsett befreit worden», wie Schöb die Renaturierung nennt.

Die Simmi mit ihren natürlich geformten Uferböschungen. Im Hintergrund bewaldete Hügel.
Wo zuvor nur ein kanalisierter Bach dahin floss, finden Ruhesuchende nun ein Naherholungsgebiet.
Fredy Schöb weist zeigend auf eine bestimmte Stelle auf dem Nasen-Plakat hin.
Eine Nahaufnahme des Bachs mit Pflanzen am Uferrand.
Am Ufer der Simmi befindet sich ein Plakat, das Informationen über die Nase liefert.

Vom Ass im Ärmel und dem zweiten im anderen

Als Fredy Schöb 2013 Gemeindepräsident des 3’600-Seelen-Dorfes Gams wird, da wünscht er sich in der Tat eine einfachere Herausforderung als ausgerechnet eine Renaturierung für CHF 2,9 Mio., für die er die Stimmbevölkerung gewinnen soll. Verständlich: Mit dem Geld könnte eine kleine Gemeinde wie Gams fast ein Schulhaus sanieren, das Alterswohnheim erweitern oder die Wasseraufbereitung modernisieren, aber einen Bach renaturieren?

«Wie sollte ich der Bevölkerung den Mehrwert aufzeigen? Die Simmi machte ja keine Probleme. Höchstens, dass sie alle 10 oder 15 Jahre über die Ufer kam, aber dabei entstand keine Gefahr für Mensch und Tier.» Schöb macht kein Geheimnis daraus, dass er damals skeptisch war.

Doch dann spielt die Nachbargemeinde Buchs dem Gamser Gemeindepräsidenten ein Ass in den Ärmel. Dort hatte man gerade einen Abschnitt des Werdenberger Binnenkanals renaturiert und so auch ein beliebtes Naherholungsgebiet in der Region geschaffen. «Als ich mir das Ganze angeschaut hatte, wusste ich: Das will ich auch bei uns und dieses Vorzeigeprojekt könnte die Gamserinnen und Gamser überzeugen. Jetzt konnte ich ihnen sagen, schaut euch das Naherholungsgebiet an am Werdenberger Binnenkanal. So etwas können wir an der Simmi auch machen.» [Weiterlesen nach der Infobox]

Renaturierung der Gewässer in der Schweiz

In der Schweiz sind Gewässer jene Lebensräume, die sich am stärksten verändert haben. Flüsse, Bäche, aber auch Seeufer wurden stark verbaut, eingedolt oder werden für Wasserkraft oder andere industrielle Zwecke genutzt. Das Gewässerschutzgesetz des Bundes fasst unter dem Begriff Renaturierung deshalb die Revitalisierung von Fliessgewässern und Seeufern sowie die Reduktion von negativen Auswirkungen durch die Wasserkraftnutzung zusammen.

Das Gesetz verpflichtet zum einen die Kantone, einen Teil der Fliessgewässer und Seeufer durch Revitalisierungen aufzuwerten. Zum anderen sieht das Gewässerschutzgesetzt vor, dass die negativen Auswirkungen der Wasserkraftnutzung minimiert oder beseitigen werden müssen. Dazu zählt, dass die Fischgängigkeit in den Flüssen wieder gewährleistet wird, indem Hindernisse behoben oder umgangen werden.

Die Folgen von starken Abflussschwankungen (Schwall und Sunk) durch den Betrieb von Wasserkraftwerken müssen behoben werden und der Geschiebehaushalt, der durch Wasserkraftwerke, aber auch durch Gewässerverbauungen und industrielle Kiesentnahme gestört ist, muss reaktiviert werden. 

Trotzdem standen die gut CHF 2,9 Mio. quer in der Finanzlandschaft der kleinen Gemeinde. Kanton und Bund würden zwar zwei Drittel der Kosten übernehmen, aber dennoch wären die verbleibenden rund CHF 900’000 nicht zu stemmen. Also machte man sich auf die Suche nach Geldgebern.

Wie bereits bei der Renaturierung des Werdenberger Binnenkanals beteiligte sich der naturemade star-Fonds von ewz schliesslich auch an diesem Projekt. CHF 600’000 sicherte der Fonds der Gemeinde zu, und das war das Ass im anderen Ärmel. «Damit standen die Chancen sehr gut, dass auch die Stimmbürgerinnen und -bürger mitziehen würden.» Und das taten sie. CHF 300’000 übernahm die Gemeinde. Zwar beteiligten sich weitere Institutionen an der Finanzierung, «aber ohne den Beitrag aus dem naturemade star-Fonds hätten wir das Projekt ganz sicher nicht realisieren können», betont Schöb und läuft weiter bachaufwärts.

Die Simmi während der Renaturierungsphase, als eine Baustelle war.
Die Simmi während der Bauarbeiten.

Die Renaturierung der eingezwängten
Simmi startet

Im April 2019 beginnen die Bauarbeiten. 29’000 Kubikmeter oder 3’000 Lkw-Ladungen Boden tragen die Bagger ab, um das Bachbett zu verbreitern und das Ufer abzuflachen. Jetzt fliesst das Wasser unterschiedlich schnell, ist mal tiefer, mal flacher. Nun kann das Bachbett massiv mehr Wasser aufnehmen, was auch dem Hochwasserschutz dient. Totholzhaufen und Steine am Ufer bieten seltenen Insekten, bedrohten Reptilien- und Amphibienarten sowie Nagetieren ein Zuhause.

Im Wasser schaffen Holz, Kies und Wurzelstöcke für Äsche, Bachforelle und weitere Fischarten, vor allem aber für die Nase eine natürliche Umgebung. Und kommt die Nase zurück, schwimmen die andere Fische quasi ihr nach. Denn mit ihren hohen Ansprüchen an ihren Lebensraum ist sie eine Schlüsselart.

Und kommt die Nase zurück, schwimmen die andere Fische quasi ihr nach. Denn mit ihren hohen Ansprüchen an ihren Lebensraum ist sie eine Schlüsselart.

Nun kann der seltene Fisch in den Kiesbänken der Simmi wieder seine Eier ablegen und sein Nachwuchs in den seichten Gewässerabschnitten heranwachsen. Später ziehen die erwachsenen Nasen über das Kanalnetz in den Rhein, wo sie am Grund Algen vom Kies abweiden. Dafür nutzen sie ihre markante, verhornte Oberlippe, die dem Fisch auch seinen Namen gab (siehe auch Fischlexikon).

«Gerade die gute Vernetzung der Simmi mit dem Werdenberger Binnenkanal und dem Rhein machen aus ihr einen Laich-Hotspot für die seltene Nase», erklärt Ruedi Bösiger vom WWF Schweiz. Landesweit hat die Organisation 32 solcher Laich-Hotspots ausgemacht. Viele von ihnen müssten aber, wie die Simmi, zuerst revitalisiert werden. Dafür brauche es viel Überzeugungsarbeit, sagt Bösiger. Er hat die Renaturierung in Gams damals mitangestossen.

Seiner Erfahrung nach seien oftmals der Hochwasserschutz und der Gewinn eines Naherholungsgebiets die überzeugenden Argumente für die Bevölkerung. «An der Simmi ist es gelungen, neben dem Hochwasserschutz auch das Aufwertungspotenzial der Lebensräume im und am Bach auszunutzen.»

Ein Abschnitt der Simmi, an dem vom Ufer her Baumstämme ins Wasser ragen.
Holzpfähle bieten den Fischen Schutz vor Hitze und Fressfeinden.

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Im Wasser der Simmi befinden sich Steinhaufen.
Eine Nahaufnahme von Baumstämmen, die ins Wasser ragen.
Ein Abschnitt der Simmi, an dem viel Biodiversität zu sehen ist.
Der Biber hat bereits seinen Damm an einer Einmündung in die renaturierte Simmi gebaut.
Ein Baumstamm, um den sich eine aus Holz geschnitzte Schlange windet.
Holzskulpturen wie die der Ringelnatter zeigen der Bevölkerung, welche Tiere an der revitalisierte Simmi ein Zuhause finden.

Renaturierung erleben und begreifen

Im Frühjahr 2020 folgt die Aufforstung. 250 Bäume und 1’400 Sträucher werden gepflanzt – die meisten von Hand. Jetzt wachsen Feldahorn, Eiche, Kirsche, Holunder, Weissdorn und viele weitere Sorten am Ufer der Simmi. Damit Spaziergängerinnen und Spaziergänger die geschaffene Natur erleben und erfahren können, steht nebst den Infotafeln eine neue Holzbrücke zur Verfügung; Holzskulpturen zeigen unter anderem Hermelin, Biber oder Ringelnatter – Tierarten, die hier heimisch sind. [Weiterlesen nach der Infobox]

Was ist eine Renaturierung?

Bei einer Renaturierung werden kultivierte und verbaute monotone Bodenflächen, insbesondere von Fliessgewässern und Seeufern, durch bauliche Massnahmen wieder in einen naturnahen Lebensraum zurückverwandelt. Man nennt dies auch Revitalisierung.

Was ist das Ziel einer Renaturierung?

Das Ziel von Gewässerrenaturierungen ist es, die natürliche Standortbedingungen wieder herzustellen, sodass sich an und in Bächen, Flüssen und Seen heimische Tier und Pflanzenarten wieder ansiedeln, was der Biodiversität zugutekommt. dAss Fliessgewässer wieder mehr Raum erhalten, dient dem Hochwasserschutz und letztlich entsteht bei einer Renaturierung oft ein attraktives Naherholungsgebiet für die Bevölkerung.

Warum sind Renaturierungen wichtig?

Durch ihren Artenreichtum können sich naturnahe Landschaftern neuen Klimabedingungen besser anpassen. Sie erholen sich besser von Umweltkatastrophen wie Feuer oder Überschwemmungen. Zudem können ökologisch intakte Gewässerlandschaften wie Flüsse, Bäche oder auch Moore massiv mehr Wasser aufnehmen, was den Auswirkungen von Hochwasser entgegenwirkt.

Die Renaturierung der Simmi ist eines der grösseren Projekte, die in der Region umgesetzt wurden. «Entsprechend wichtig ist es auch für die Flora und Fauna», sagt Andreas Düring, Projektleiter bei der Abteilung Wasserbau des Kantons St. Gallen. «Solche grösseren Projekte haben Vorzeigecharakter und können dazu animieren, weitere Gewässer zu revitalisieren, wenn sie sehr gut umgesetzt wurden», sagt Düring. Und das sei bei der Simmi der Fall.
 
Auch wenn ein Fazit erst in vier bis fünf Jahren gezogen werden kann, ist man beim Kanton guter Dinge: «Erste Anzeichen, wie Beobachtungen von Fischen, Vögeln, Säugetieren und seltenen Pflanzenarten, deuten darauf hin, dass man einen ökologisch sehr wertvollen Lebensraum geschaffen hat», sagt Düring. In den kommenden Jahren sollten sich demnach im und am Bach dank den geschaffenen Laich- und Nistplätzen seltene heimische Tierarten ansiedeln.

Der Gemeindepräsident Fredy Schöb steht am Ufer der Simmi und blickt in die Kamera.
Der Gamser Gemeindepräsident Fredy Schöb zeigt, in welchem Abschnitt die Auenlandschaft angelegt wurde.
In den kommenden Jahren sollten sich demnach im und am Bach dank den geschaffenen Laich- und Nistplätzen seltene heimische Tierarten ansiedeln.
Ein Vogel, der im Wasser steht, nahe am Ufer.
Eine Wasseramsel stolziert am Ufer der Simmi entlang.
Eine Nahaufnahme von Schilfpflanzen.
Ein Silberreiher watet durch das Wasser der Simmi.
Ein Graureiher watet durch das flache Bachbett auf der Suche nach Nahrung.

Von der Feuerwehr und der Freiwilligenarbeit

Fredy Schöb bleibt am Ufer bei der Holzbrücke stehen, lässt den Blick über das Bachbett schweifen und zeigt auf die jungen Bäumchen, die noch mit Gitterzaun vor Biber und Rehen geschützt werden. «Als es im vergangenen Jahr sehr trocken war, haben wir die Feuerwehr aufgeboten, um die Bäumchen zu giessen, damit sie nicht gleich wieder eingehen.»

Dieses Jahr habe man eine Freiwilligengruppe ins Leben gerufen, die gegen die Neophyten ankämpfe. Sie soll verhindern, dass die invasiven, fremden Pflanzen die heimische Flora verdrängen. «Jedes Mitglied läuft regelmässig eines der Ufer der vielen Bäche in Gams ab und kontrolliert es auf Neophyten», sagt Schöb. Auch hier im renaturierten Abschnitt der Simmi wird streng beobachtet. Gebietsfremde Pflanzen wie etwa das einjährige Berufskraut oder den Japanknöterich reissen sie aus – eine Sisyphusarbeit.

Nach der Renaturierung ist die
Biodiversität angekommen

Ein Silberreiher überfliegt das wilde Bächlein auf der Suche nach Nahrung. «Der Eisvogel hat sich hier auch schon niedergelassen», sagt Schöb. Immer wieder ragen Gruppen runder Holzpfähle aus der Erde dicht über das Wasser. «Das ist für die Fische», erklärt er. «Wenn es heiss ist, sind die Holzpfähle ein idealer Schattenspender. Bei drohender Gefahr können sie sich darunter verstecken.»

Alles, was Fredy Schöb über die neue, wilde Simmi zu berichten weiss, erzählt er mit Begeisterung. «Mir hat es schon sehr den Ärmel reingezogen», sagt er und meint damit den Naturschutz und die Renaturierung. Das Thema Biodiversität und Ökologie sei auch in Gams angekommen. «Gemäss den Reaktionen aus der Bevölkerung will diese auch weitermachen und ihren Teil zu mehr Artenvielfalt und Lebensraum für die Natur beitragen», sagt er.

Politik für mehr Renaturierung braucht Geduld

Schöb will die Simmi bachaufwärts zwar ebenfalls renaturieren, doch er ist auch ein erfahrener Politiker. «Bei der Simmi ist es geschickt, wenn wir jetzt erstmal abwarten, wie sich der untere Abschnitt entwickelt. Da wäre die Bevölkerung vermutlich noch nicht bereit, gleich wieder Geld in die Hand zu nehmen.»

Aber er hat längst ein weiteres Projekt im Köcher: die Renaturierung des Dorfbachs. Mit diesem Projekt, den eingemauerten Dorfbach auf 500 bis 600 Metern zu renaturieren und unweit des Dorfzentrums ein Naherholungsgebiet zu schaffen, will sich der Gemeinderat im kommenden Jahr an die Einwohnerinnen und Einwohner von Gams wenden.

Inspiriert? Als Privatperson, Schulklasse oder Verein kann man beim naturemade star-Fonds von ewz ebenfalls einen Förderantrag stellen, um einen Dorfbach oder ein anderes Gewässer zu renaturieren. Und/oder zertifizierten Naturstrom für das eigene Zuhause beziehen, damit unterstützen auch Sie solche Projekte ganz direkt.

Der naturemade star-Fonds von ewz

Jährlich kommen dank Ökostromkundinnen und -kunden von ewz rund CHF 4 Mio. für ökologische Verbesserungsmassnahmen zusammen. Insgesamt unterstützte der Fonds von ewz bisher Projekte und Massnahmen mit über CHF 28 Mio.

Das Label «naturemade star» steht für besonders umweltschonend produzierte Energie, die zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen stammen muss. Zu diesen gehören Wasser, Wind, Sonne und Biomasse. Von grosser Bedeutung ist der Schutz und die Aufwertung der Umgebung von Wasserkraftwerken und das Erhalten und Fördern von Biodiversität. Verliehen wird das Label vom Verein für umweltgerechte Energie VUE, unterstützt wird es unter anderem vom schweizerischen Konsumentenforum, vom WWF und von Pronatura.

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