Mit Biomasse gegen den Strommangel?

Kolumne von christof drexel, 16.11.2021
Porträt von Christof Drexel

Buchautor und Referent Christof Drexel ist Energie-Experte. Mehr zu seiner Person im Portrait.

Seit dem Scheitern des Rahmenabkommens zwischen der Schweiz und der EU wird immer häufiger thematisiert, wie die Stromversorgung der Zukunft wohl aussehen wird.

Atomausstieg und Dekarbonisierung sind die Leitplanken, Erneuerbare, Effizienz und Stromimporte die Rädchen, an denen man drehen kann. Wobei sich gerade Letztere in Zukunft zunehmend schwierig gestalten, weil – insbesondere im Winter – auch in der EU kaum Überschüsse aus Erneuerbaren produziert werden.

Lösungsansätze für die Energiewende und das Problem Winterstrom

Auf die wichtige Rolle der Effizienz wurde an dieser Stelle schon öfter eingegangen, unter anderem hier oder in der eigenen Themenrubrik. Auch die grundsätzlichen Lösungsstrategien, wie Winterstrom zukünftig produziert werden soll, waren bereits Thema einer Kolumne.

Vor allem die Speicherwasserkraft, aber auch Windenergie und Strom aus Photovoltaik werden wesentliche Beiträge leisten; die Bedeutung der Biomasse als Stromlieferant wird aber oft vergessen. Dabei spricht Vieles dafür, dem Strommangel auch mit diesem erneuerbaren Energieträger entgegenzuwirken.

Die Vorteile von Strom aus Biomasse

Ein grosser Vorteil der Biomasse besteht darin, dass sie bereits in gespeicherter Form vorliegt: Sie kann genau dann energetisch verwertet werden, wenn sie gebraucht wird – zukünftig also im Winter.

Was im Übrigen den Vorteil mit sich bringt, dass die bei der Stromproduktion anfallende Wärme zur Gänze für die Raumwärme eingesetzt werden kann. Die Stromproduktion ist im Gegensatz zu Photovoltaik und Windenergie regelbar; im Kampf gegen Stromausfälle ist das von grosser Bedeutung. Das wiederum rechtfertigt den etwas höheren Preis von Strom aus Biomasse.

Das Potenzial dieser Energie ist beachtlich: Eine Studie der WSL weist ein nachhaltig und wirtschaftlich nutzbares, primärenergetisches Potenzial von 27 Terawattstunden (TWh) aus, erst 15 TWh werden davon genutzt. Und davon wiederum wird nur ein sehr kleiner Teil zu Strom gemacht, nämlich 0,8 TWh, wie der Schweizerischen Gesamtenergiestatistik 2020 zu entnehmen ist.

Unter gewissen Anstrengungen könnten gemäss einer Studie der Energiestiftung Schweiz rund 5 TWh schon zusätzlich produziert werden – das würde den Beitrag zur Bruttostromerzeugung in der Schweiz von etwa einem auf 8 Prozent erhöhen.

Welche Anwendungen gibt es konkret?

Noch wichtiger scheint mir aber, die bestehenden Biomasseanwendungen zu hinterfragen: 20 °C Raumwärme kann mit Wärmepumpen sehr effizient und auf erneuerbarer Basis bereitgestellt werden. Ein Teil der wertvollen Biomasse wird für die Dekarbonisierung der Industrie benötigt, möglichst der gesamte Rest sollte in Form von Winterstrom gegen den Strommangel eingesetzt werden.

Denn auch die Abwärme der Stromproduktion leistet – zusammen mit anderen Abwärmepotenzialen – noch wertvolle Dienste. Nur zum Verheizen ist Biomasse einfach zu schade.

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