Aussenansicht des Firmengebäudes von Interxion

Datacenter: «Hier kommen Sie nur lebend rein»

Datacenter sind Sicherheitshochburgen. Im Ernstfall können sie sogar auf die Unterstützung durch das Militär zählen. Eine Führung durch ein Zürcher Rechenzentrum zeigt, warum.
Digitalisierung von Nicole Rütti, 03.08.2021

Es ist ein unauffälliges, graues Gebäude im Industriezentrum von Glattbrugg. Doch es gleicht einer Festung – eine Art Fort Knox, nur dass hier nicht Goldreserven gelagert werden, sondern Milliarden von Daten von Unternehmen. Im Zürcher Datacenter von Interxion, einem der weltweit grössten Datacenter-Anbieter und Datacenter-Partner von ewz, gibt es überall Umzäunungen, Kameras sowie Absperrungen.

Security-Leute bewachen das Gebäude Tag und Nacht. Zugang erhält man nur über eine Schleuse. Als Besucher muss man am Empfang einen Pass oder Identitätsausweis vorweisen. Es werden Fingerabdrücke genommen: Denn um ins Innere des Rechenzentrums vorzudringen, muss sich die Person per Fingererkennung identifizieren. Der Scanner misst auch Puls und Körpertemperatur.

Im Tresorraum eines Datencenters

«Hier kommen Sie nur lebend rein», sagt Thomas Kreser, während er die Besucher durch das Datacenter ZUR1 führt. Kreser leitet die Marketingabteilung von Interxion Schweiz – A Digital Realty Company – und ist ein versierter Fachmann, der mit seinen anschaulichen Erläuterungen auch Laien in die technische Welt von Rechenzentren einzuführen vermag.

Wir befinden uns in einer der zahlreichen Shared Areas, wo die Server der Kunden des Datencenters stehen, in schwarzen, gut zwei Metern hohen Schränken – sogenannten Racks: Einer reiht sich an den anderen. Es ist der Tresorraum des Datacenters. Hier lagern die Kundendaten.

Sicherheit wird bei Interxion grossgeschrieben, es ist schliesslich das Kerngeschäft. Im Gebäude zirkuliert Kühlflüssigkeit, die in Rohren von Raum zu Raum fliesst, um eine Überhitzung der Server zu verhindern. Kreser verweist auf die zahlreichen Rauchmelder und Gasschleusen. Falls es brenzlig werden sollte, werden die entsprechenden Räume automatisch mit Gas durchflutet. Es senkt den Sauerstoffgehalt im Raum so weit, dass der Brand im Keim erstickt wird, Menschen aber noch atmen können. Im Untergeschoss stehen dafür über 10’000 Kubikmeter Löschgas in Gaszylindern.

Ein Gang mit Strom- und Connectivity-Versorgung im Rechenzentrum von Interxion in Glattbrugg
Ein Gang mit Strom- und Connectivity-Versorgung im Rechenzentrum von Interxion in Glattbrugg.

Roman Leiser vor einem Shared Cage.
Herr Kreser erklärt der Journalistin die Shared Cages.
In den Shared Areas befinden sich die Server der Kunden, in schwarzen, gut zwei Metern hohen Schränken. Der Kaltgang sogt für eine hohe Effizienz bei der Kühlung.
In den Shared Areas befinden sich die Server der Kunden, in schwarzen, gut zwei Metern hohen Schränken. Der Kaltgang sogt für eine hohe Effizienz bei der Kühlung.
«Firmen wollen nicht, dass ihre Daten ausserhalb der Schweiz gespeichert werden.»
Roman Leiser, Leiter Sales von ewz Telecomlösungen begutachtet das Gaslöschsystem, welches im Falle eines Brandes ausgelöst wird.
Mehr als 400 Gaszylinder stehen für den Notfall bereit: Das Löschgas wird mit Überschallgeschwindigkeit direkt an den Brandherd geleitet.
Mehrere Leitungen, die an der Decke befestigt sind.
Mehr als 400 Gaszylinder stehen für den Notfall bereit.

Ein verschwiegenes Einkaufszentrum für Firmen

Und falls doch ein Unglück geschähe, wären dann die Daten unwiderruflich verloren? «Nein», sagt Kreser. Unternehmen hätten meist Rechenzentren bei verschiedenen Anbietern, so dass die Daten entsprechend gespiegelt seien. Damit sicherten sie sich gegen regionale Ausfälle ab.

Interxion versteht sich als eine Art IT-Einkaufszentrum-Betreiber, der seinen Kunden Dienstleistungen zur Verfügung stellt – nämlich Räumlichkeiten, Strom und Sicherheit. Für den Transport der Daten zwischen den Unternehmensstandorten und Datacentern sind sogenannte Connectivity-Anbieter wie das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (ewz) besorgt.

Roman Leiser, Leiter Sales von ewz Telecomlösungen, erklärt: «Wir sehen uns als eine Art Autobahn. Denn wir bringen mit unseren glasfaserbasierten Services die Daten unserer Kunden, wie Banken oder Medizinische Institute, Hochschulen etc., von A nach B oder C. Wir sorgen für einen hocheffizienten und sicheren Traffic ohne Stau, in diesem Fall an die Datencenter in Glattbrugg.»

Über die Namen seiner Kunden schweigt sich Interxion aus. «In dieser Hinsicht sind wir wie eine Bank. Es gilt das Gebot der Verschwiegenheit», bemerkt Kreser. «Ich kann Ihnen jedoch verraten, dass fünf der zehn grössten Banken unsere Kunden sind.»

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Firmen suchen die Nähe von Amazon, Google und Microsoft

Vom Dachgeschoss des Gebäudes ZUR1 aus blickt man auf das zweite Datencenter von Interxion, ZUR2, sowie auf eine Baustelle. Dort entsteht das dritte Rechenzentrum ZUR3, das mit 11ʼ400 Quadratmetern in etwa die Grösse von 17 Tennisplätzen aufweisen wird. Alle drei Gebäude sind mit der Glasfaserinfrastruktur von ewz erschlossen. Mitte des nächsten Jahres wird im dritten Rechenzentrum der erste Kunde einziehen, denn das zweite, eben erst fertig erstellte ist bereits belegt. Die Branche boomt. Woher kommt die grosse Nachfrage?

Im Sitzungszimmer auf dem Dachgeschoss treffen wir Herrn Denzler, den Chef von Interxion Schweiz, zum Interview: «Es ist die voranschreitende Digitalisierung», sagt Denzler. «Amazon Web Services, Google oder Microsoft Azure bauen in der Schweiz ihre Cloud auf und mieten sich in Datacentern ein.

Das zieht wiederum andere Firmen an wie Pharmakonzerne, Finanz- und Dienstleistungsunternehmen oder auch KMUs. Sie nutzen die Server der Grossanbieter und wollen möglichst nahe bei deren Cloud sein.» Das Homeoffice hat laut Denzler den Boom noch zusätzlich beflügelt, denn Mitarbeitende benutzen zu Hause vermehrt Videotools wie Microsoft Teams oder Zoom – Applikationen, die sie in der Regel aus der Cloud beziehen.

Porträtaufnahme von Jörg Denzler
Hans Jörg Denzler, Chef von Interxion Schweiz

Vorteilhaft für den Schweizer Standort sind ausserdem das stabile regulatorische und politische Umfeld sowie das unabhängige Datenschutzgesetz. Firmen wollen nicht, dass ihre Daten ausserhalb der Schweiz gespeichert werden. Sie wollen Garantien, dass es keine Hintertür gibt – beispielsweise für Regierungen, die sich Zugang zu den Daten verschaffen möchten.

Thomas Kreser (Interxion) und Roman Leiser (ewz Telecomlösungen) auf der Terasse, wie sie die Anlage von Interxion überblicken.
Porträt von Thomas Kreser auf der Terasse.
Thomas Kreser von Interxion führt uns in die technische Welt von Rechenzentren ein.
Ausblick auf die Baustelle des Interxion ZUR3
Porträt von Roman Leiser, hinter ihm Ausblick auf die Baustelle des Interxion ZUR3
Durch den Carrier-Raum hindurch fliesst in Spitzenzeiten rund 60% des Internetverkehrs der Stadt Zürich.

Datacenter sind grosse Energieverbraucher – aber keine Energieschleudern

Im Untergeschoss des Gebäudes ZUR1 befindet sich der Stromzugang. Datencenter sind riesige Energieverbraucher. Allein für sein drittes Rechenzentrum benötigt Interxion 24 Megawatt Leistung. Die drei Datacenter zusammen werden nach Abschluss des Drittbaus ihren Kunden in der Spitze bis zu 40 Megawatt zur Verfügung stellen können. Das entspricht in etwa dem Energieverbrauch einer Stadt mit 50ʼ000 Haushalten.

Den Vorwurf von Energieschleudern lässt man bei Interxion gleichwohl nicht gelten. Zum einen könnten professionelle Rechencenter viel energieeffizienter betrieben werden als zig kleinere Rechencenter, erklärt der Chef von Interxion Schweiz. Zum anderen setze Interxion seit 2011 ausschliesslich auf grüne Energie wie etwa die Wasserkraft, fügt Denzler an. Und zum Schluss erlaube die Bündelung die Nutzung von Abwärme. So plant Interxion, die im Gebäude ZUR3 erzeugte Wärme kostenfrei ans lokale Fernwärmenetz der Gemeinden Opfikon und Rümlang abzugeben.

Das Datencenter bezieht den Strom von zwei unabhängigen Anbietern, so dass ein Stromausfall keinen Schaden anrichten würde. Ein Transformator fängt Spannungsunterbrüche ab. Neun Dieselgeneratoren schalten sich bei einem Stromunterbruch im Gebäude ZUR1 automatisch ein und sichern die Versorgung für mehrere Tage.

Einmal pro Jahr wird die Stromzufuhr von aussen unterbrochen, um zu testen, ob die Notstromaggregate einsatzfähig sind. Das Rechenzentrum läuft dann autark im Inselbetrieb.

Eine Videokamera ist an der Decke angebracht.
Auch der Innenbereich wird von Kameras überwacht.

ewz verbindet Unternehmen mit den Datacentern

Weiter geht die Führung zu einem sogenannten Carrier-Raum. Hier erfolgt der Datenverkehr mit der Aussenwelt. Durch diesen Raum hindurch fliesst in Spitzenzeiten rund 60% des Internetverkehrs der Stadt Zürich. Eingezäunt an den Wänden hängen dicke Glasfaserkabel, welche in sogenannte Spleissmuffen führen. Hier befindet sich auch der Entry Point des Glasfasernetzes von ewz.

ewz verfügt bei all seinen Datencenter-Partnern im Raum Zürich über mindestens zwei geografisch getrennte Glasfaser-Einführungen, im Falle von Interxion sind es sogar drei. «Die georedundanten Einführungen sichern den Unternehmenskunden eine hohe Flexibilität der Infrastrukturarchitektur sowie eine immens hohe Verfügbarkeit», sagt Leiser.

Auch im Glasfasernetz von ewz gelten hohe Sicherheitsstandards, wie Leiser ausführt. «Die Glasfaserleitungen sind in der Schacht- und Rohrinfrastruktur des Stromnetzes von ewz tief unten im Boden verbaut: Wenn ein Bagger am falschen Ort ein Loch gräbt, zerschlägt er zunächst die Stromleitungen von ewz. Und das gibt einen gewaltigen Knall, so dass er wohl nicht mehr zu unseren Glasfaserleitungen vordringen wird», erklärt Leiser.

Roman Leiser begutachtet die physische Präsenz von ewz im sogenannten Carrier Entry Point.
Roman Leiser, Nicole Rütti und Thomas Kreser auf dem Weg zu den Server-Räumen der Kunden von Interxion und ewz.
Sicht auf den Carrier Entry Point.

Internetverkehr würde zusammenbrechen und Firmen stünden still

Nicht von ungefähr gelten Datacenter und Infrastrukturanbieter (wie ewz) als systemrelevant. In den Rechenzentren laufen unter anderem die wichtigsten Datenstränge quer durch Europa zusammen. In den Zürcher Gebäuden von Interxion gibt es Anschlüsse zu mehr als 50 verschiedenen Telekommunikations-, IT- und Cloudanbietern.

Ein Ausfall würde das Internet im Raum Zürich nahezu lahmlegen. Börsentransaktionen könnten nicht mehr abgewickelt werden, Spitäler, die Daten elektronisch speichern, könnten ihre Patientinnen und Patienten nicht mehr behandeln. Stünde der Betrieb auch nur für eine einzige Stunde still, entstünden Schäden in Millionenhöhe.

Interxion war in den Jahren 2018/2019 deshalb auch Teil der Militärübung SKILL der Schweizer Arme. «Im Bedrohungsfall käme das Militär, um uns zu schützen», holt Kreser aus. «Wir würden bevorzugt mit Strom und Diesel versorgt. Es wäre einer der letzten Orte, wo das Licht ausgehen würde», sagt der Fachmann gegen Ende der Führung. Ein Ernstfall, den man sich lieber nicht vor Augen führen möchte.


Etwas gedankenverloren verlässt man die überwachte Anlage – über die Schleuse am Haupteingang, vorbei an Security-Leuten, Überwachungskameras und Einzäunungen.

Sie möchten Ihr Unternehmen ebenfalls über das hochperformante ewz-Glasfasernetz mit Datacentern verbinden? Unter ewz.ch/datacenter sowie in unserem Whitepaper erfahren Sie mehr dazu.

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