«Ich bin halt eine Lokomotive»

Zoodirektor Alex Rübel sitzt auf einer Holzbank in der Masoalahalle. Im Hintergrund sind die Bäume des Dschungels sichtbar.
Nach fast dreissig Jahren als Zoodirektor geht Alex Rübel im Sommer 2020 in Pension. Als letztes grosses Projekt des Zoo Zürich weihte er die neue «Lewa Savanne» ein. Ein Portrait über einen visionären Macher, der den Zoo von einem reinen Tierpark in eine wichtige Naturschutzorganisation mit Vorbildrolle umgewandelt hat.
Nachhaltigkeit von Jan Graber, 13.03.2020

Alex Rübel ist schnell unterwegs. Zügigen Schrittes streben wir dem Masoala Regenwald zu, es geht zum Fototermin, dazwischen beantwortet er Fragen. Knapp eine Stunde haben wir Zeit, möglichst viel über den umtriebigen Zoodirektor zu erfahren. Nach fast 30 Jahren im Amt kennt Rübel sein Reich natürlich wie seine Westentasche, schliesst mit seinem roten Masterschlüssel dort eine Tür auf, nimmt da eine Abkürzung; er kennt jeden geheimen Weg, jeden verwunschenen Winkel. «Manchmal überrasche ich sogar meine Mitarbeitenden, wenn ich eine Ecke kenne, die sie noch nie gesehen haben», sagt er lächelnd. Zügig unterwegs ist Rübel nicht, weil er im Juni 2020 seinen letzten Arbeitstag hat und bis dahin noch viele Termine anstehen, sondern weil es einfach seine Art ist. Die Dame am Empfang hatte uns schon vorgewarnt, bei ihm müsse man schnell sein. «Manchmal bin ich schon ein bisschen ungeduldig», gibt er schmunzelnd zu. Er sei halt eine Lokomotive.

Dabei wirkt Alex Rübel überhaupt nicht gehetzt, im Gegenteil. Der 65-Jährige mit seinem offenen Blick und der freundlichen Ausstrahlung gibt sich erstaunlich gelassen dafür, dass er seit drei Jahrzehnten dafür sorgt, dass der Zoo prosperiert, die Menschen diesen gerne besuchen und es vor allem den rund 4’000 Tieren gut geht, für die er die Verantwortung hat. Rübel dirigiert ein Tierreich, in dem sich ebenso Besuchermagnete wie Löwen, Tiger, Gorillas, Wölfe und Elefanten tummeln wie unzählige Fische, Vögel, Insekten, Spinnen und Reptilien. «Am meisten hat mir die Vielseitigkeit meines Jobs Freude gemacht», sagt er rückblickend. Jeden Tag halte der Zoo etwas Neues bereit. Aber eigentlich blicke er nicht gerne zurück, sondern schaue viel lieber in die Zukunft. Das sei immer schon so gewesen.

Strohhütte eingefasst von Dschungelpflanzen
Grosse Palme

Ein Direktor an der Kasse

Dennoch blicken wir zuerst in die Vergangenheit: Als Zürcher Stadtkind wächst Alex Rübel zwar ohne Tiere auf, trotzdem ist er von früh weg fasziniert von der Tierwelt – vielleicht auch, weil sein Grossvater Botaniker war. Als Vierjähriger lernt er die Tierwelt eines Bauernhofs kennen, baut sich in der Waschküche eine Voliere, hütet später Kühe auf der Alp und arbeitet im Basler Zoo als Tierpfleger. Seine Faszination bringt ihn schliesslich zum Tierarzt-Studium («im regulären Medizinstudium hatte es mir zu viele Leute»). Er doktoriert und arbeitet zehn Jahre als Tierarzt, während der er sich auch um die Elefanten, Schildkröten und Papageien im Zoo kümmert. Als 1991 die Stelle des Zoodirektors frei wird, bewirbt er sich – und wird eingestellt. Damit beginnt ein Weg, der zum grossen Umbau des Zoos und dessen Rolle führen wird.

«Ich hatte damals 82 Mitarbeitende und sass manchmal auch selbst an der Kasse», sagt er. Heute beschäftigt der Zoo 380 Mitarbeitende, besitzt mehrere eigene Restaurants und hat eine eigene Edukationsabteilung. Rübel tritt seine Stelle in einer Zeit des Aufbruchs an: Die Menschen spüren, dass ein anderer Umgang mit Natur und Tieren nötig ist. Enge Käfighaltungen schaden dem Ansehen des Zoos, Tierparks stehen in der Kritik, die Tiere brauchen mehr Platz und ein natürlicheres Umfeld. Da Rübel ein Macher ist, nimmt er das Heft in die Hand. «Als Zoo müssen wir avantgardistisch agieren und der Gesellschaft stets einen Schritt voraus sein», sagt er. Der Zoo habe eine Vorbildrolle.

Eine grosse Landschildkröte liegt auf einem Stein
Zoodirektor Alex Rübel läuft durch die Masoalahalle, im Hintergrund dichte Bäume
Zoodirektor Alex Rübel läuft durch die Masoalahalle, im Hintergrund dichte Bäume
powernewz in Ihrer Mailbox
Ein Teil des Hochpfades eingefasst von Dschungelpflanzen
Nahaufnahme eines grossen Sukkulenten
Zoodirektor Alex Rübel steht vor einer riesengrossen Pflanze

Zoo als Zentrum für Naturschutz

Rübel entwickelt zusammen mit dem Vorstand einen Masterplan, der die nächsten dreissig Jahre – bis zu seiner Pensionierung – gelten sollte. In den Plan gehören neben vielen kleineren Massnahmen und sechs mittelgrossen Anlagen auch vier Grossprojekte: der «Masoala Regenwald» (eröffnet: 2003), das Feuchtgebiet «Pantanal» (2012), der Elefantenpark «Kaeng Krachan» (2014) und die «Lewa Savanne» (2020). Zu den Projekten «Masoala», «Kaeng Krachan» und «Lewa» engagiert sich der Zoo in je einem Schutzprogramm fürs gleichnamige Naturschutzgebiet. Rübel will dem Zoo zu einer bedeutenderen Rolle im Naturschutz verhelfen.

Gesagt, getan! Der Zoodirektor und sein Team machen sich an die Arbeit, und zwölf Jahre nach Rübels Stellenantritt kann der Zoo 2003 stolz das erste Grossprojekt einweihen: den «Masoala Regenwald». Er verändert die Art, wie wir Tiere im Zoo kennenlernen. Plötzlich werden sie nicht mehr im Käfig eingesperrt dem Publikum vorgeführt – ohne die Möglichkeit, dem eigenen Rhythmus und den eigenen Bedürfnissen zu folgen. Die Besucher treffen im künstlichen Regenwald auf ein natürliches Habitat und müssen etwas dafür tun, einen Rotstirnmaki, den Seidenkuckuck, den Rodrigues-Flughund oder den Tomatenfrosch zu entdecken. Manchmal sieht man auch fast kein Tier, was für Enttäuschungen sorgen kann.

Vorbildfunktion

Doch dies entspricht der Rolle, die ein Zoo laut Rübel in der Gesellschaft übernehmen muss. «Zu unserer wichtigsten Aufgabe gehört, die Menschen für Lebensräume und Biodiversität zu sensibilisieren», sagt er. Der Tierpark sei ein Schaufenster in die Natur und ein wichtiges Vorbild im Umgang mit ihr. Wir müssten lernen, in und mit der Natur zu leben. Schliesslich sei der Mensch ebenfalls ein Tier und die Stadt auch Natur. Ohne Zoos und Haustiere würden die Menschen aber den Kontakt zu den Tieren völlig verlieren. Trotzdem: «Der Zoo ist kein Ersatz für die Welt. Er ist eine PR-Agentur für die Natur», bringt es Rübel auf den Punkt. Er selber halte sich kein Haustier, besucht aber möglichst jeden Tag die Tiere im Zoo – manchmal auch mit seinen Enkeln. Ein Lieblingstier will Rübel indessen nicht nennen – hat aber in früheren Interviews wie auch jetzt einen Gelbbrustkapuziner erwähnt, den er immer besonders freundlich grüsse, weil dieser sonst sauer auf ihn werde. Nie werde er zudem den schweren Tag vergessen, als man den jungen Elefantenbullen Komali einschläfern musste, weil er einen Wärter angegriffen hatte. «Am Ende muss man sich für den Menschen entscheiden», sagt er – sein Blick wird traurig.

Er sei auch strikt gegen das neue Jagdgesetz, weil es dazu führe, dass der Wolf in der Schweiz zum zweiten Mal ausgerottet wird. Ausmerzen statt lernen, mit der Natur umzugehen – das verstösst gegen Rübels Überzeugungen. Er sehe sich aber nicht als politischen Menschen, sagt er, sondern nennt sich lieber einen liberalen Optimisten. «Verbote bringen nichts, man muss die Leute mit Vorbildern überzeugen.»

Ein gelbes, schön verziertes Hinweisschild weist die Richtung zum Elefantenpark
Ein Elefant im Indoor-Gehege blickt direkt in die Kamera
Zwei erwachsene Elefanten und ein Baby-Elefant im Indoor-Gehege
Der Baby-Elefant steht versteckt zwischen den Bäumen im Indoor-Gehege
Im Hintergrund die Kuppel des Elefantenhauses, welche eingefasst wird von Bäumen und Sträuchern.
Eine Affenfamilie sitzt auf grossen Steinen
Drei Affen sitzen ganz nah beieinander auf einem Felsvorsprung

Klimaneutral und mit Naturstrom

Die Vorbildrolle des Zoos geht indessen über die Tierhaltung hinaus. «Wir sind seit fünf Jahren klimaneutral», sagt der Zoodirektor, der von 2001 bis 2003 auch Präsident des Weltzooverbands war. 3’200 Kilogramm betrug der CO2-Ausstoss 2018. Mit Zertifikaten des Makira-Projekts wird er kompensiert; das Projekt in der Nähe des Masoala-Nationalparks verhindert die Abholzung und forstet Wälder auf. Der Zoo werde zudem laufend optimiert. So wird beispielsweise zu hundert Prozent Naturstrom des Labels «naturemade star» aus erneuerbaren Quellen von ewz verwendet (warum ewz einer der Hauptsponsoren des Zürcher Zoos ist, erfahren Sie in der Box). Zusätzlicher Strom wird aus Biogas und Grünabfällen gewonnen. Mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der Tiere wurde auch der Wasserverbrauch auf ein Minimum reduziert. «Wir haben eigens eine Energiemanagement-Stelle eingerichtet, die sich um nichts anderes kümmert», sagt er. Ausserdem soll das Restaurant nachhaltiger werden, Plastik will man zukünftig weitgehend vermeiden, und Palmöl wurde nahezu komplett aus dem Zoo verbannt. Gebaut wird nicht zuletzt mit FSC-Holz nach den ökologischen Richtlinien des Kantons Zürich, wobei europäisches Holz bevorzugt wird. «Wir müssen die Besucher auch hier motivieren und mitnehmen», sagt Rübel.

Was uns zum letzten grossen Wurf von Rübels Masterplan bringt – zur Lewa-Savanne. Sie bezieht sich auf das Lewa Wildlife Conservatory, ein 251 Quadratkilometer grosses Schutzgebiet in Kenia am Fuss des Mount Kenya. Die 5,6 Hektar grosse Zoo-Anlage wird ab Ostern 2020 unter anderem Breitmaulnashörnern, grossen Grevyzebras und vier Giraffen Heimat sein – nach sechzig Jahren können die stolzen Langhälse erstmals wieder im Zoo Zürich besichtigt werden. Bis ein Projekt wie die Lewa-Savanne in die Tat umgesetzt ist, müssen Hürden überwunden werden, sagt Rübel. Schliesslich geht es um Platz und viel Geld: «Wenn Widerstände kommen, neigt man schnell zu Kompromissen.» Kompromisse sind jedoch nicht Rübels Ding. Er spricht lieber von Optimierungen und nutzt sein inneres Feuer für Tiere und Naturschutz, um andere von seinen Visionen zu überzeugen. Er streicht aber auch den Stellenwert des Teams hervor: Er setze zwar die Leitplanken, umgesetzt werde ein Projekt wie die Lewa-Savanne aber vom ganzen Team. Auf die Eröffnung freut er sich. «Am schönsten ist es, wenn ich die Besucher belausche und die guten Kommentare höre», sagt er und strahlt.

Vor einer Hütte der Lewa-Savanne steht ein mit Zebra-Muster bemaltes Ein-Passagier-Flugzeug
Schild mit der Aufschrift Lewa Savanne ab 2020
Ein grosses Schild mit einem Bild von einer Giraffe weist auf den Bau der Lewa-Savanne hin
Ein Jeep, der mit Zebra-Muster bemalt ist

Abschied mit Blick in die Zukunft

Die Lewa-Anlage ist das letzte grosse Projekt, das noch unter Rübels Direktion eingeweiht wird. Obwohl er auch auf die neuen Anlagen stolz ist, die unter seiner Führung entstanden sind, freut ihn eine andere Errungenschaft fast mehr: «Wir haben den Zoo zu einem Naturschutzzentrum umgebaut.» In etwa zwei Jahren würden die Zoos weltweit mit dem WWF gleichziehen, was den Einsatz für den Artenschutz in der Wildnis betrifft, sagt er. Der Zoo Zürich investiere europaweit am meisten in den Naturschutz, pflegt aber auch enge Kontakte zu anderen europäischen Zoos. Das Engagement aller Zoos sei riesig.

Auch deshalb nimmt Rübel leicht Abschied: Ende Juni geht der studierte Tierarzt und Zoodirektor in Pension. Seine Nachfolge tritt Dr. Severin Dressen an. «Wir pflegen dieselbe Philosophie, ich bin zuversichtlich, dass er diesen Weg fortsetzt», sagt Rübel. Nach seinem Austritt will er dem Zoo erst einmal fernbleiben. Nicht, weil er genug vom Zoo hätte – im Gegenteil: «Ich werde die Tierbeobachtungen und die Vielseitigkeit des Jobs vermissen», sagt er. Aber er wolle seinem Nachfolger Luft lassen und ihm nicht auf die Pelle rücken. Dies sei glücklicherweise auch bei seinem Stellenantritt vor fast dreissig Jahren so gewesen. «Mein Weg geht anderswo weiter», sagt er. Er will sich verstärkt der Edukation widmen und die Naturschutzprojekte weiter ausbauen. Dr. Alex Rübel schaut auch hier nicht zurück, sondern in die Zukunft.

ewz und der Zoo Zürich – Naturstrom für mehr Biodiversität

Wir unterstützen den Zoo Zürich als Hauptsponsor, weil der Zoo als Botschafter für Mensch, Tier und Natur agiert. Als ein einzigartiges Zentrum für Naturschutz und Biodiversität ist die Strahlkraft der wichtigen Botschaften besonders gross. Möchten Sie die Tierwelt entdecken und ab dem 9. April auch die neue Lewa-Savanne erkunden? Als Kundin oder Kunde von ewz erhalten Sie 20% Rabatt auf Ihre Zootickets.

Teil der Partnerschaft ist auch die Wissensvermittlung. Bei den Oryx-Antilopen sowie den Fischottern können Sie zwei Ausstellungen besuchen. Dort zeigen wir die Lebensräume der Tiere sowie Parallelen zu uns Menschen – beispielsweise die Nutzung von Sonnenenergie oder auch den Schutz natürlicher Lebensräume. So achtet ewz bei seinen Wasserkraftwerken auf naturnahe Ufergestaltungen und wertet Gewässer mittels Renaturierungen auf. Das machen unsere Naturstrom-Kundinnen und -Kunden möglich, denn ein Rappen pro Kilowattstunde fliesst in den naturemade star-Fonds und finanziert Naturprojekte in Millionenhöhe.

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Kommentare

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Bisherige Kommentare (4)

Malou Fürst v/o Strick sagt:

Lieber Pfadifreund Chüngel, Du warst ein SUPER-ZOODIREKTOR! Wünsche Dir für die Zukunft Glück, Freude, Erfolg und Gottes reichsten Segen! Deine Kindheit ist sehr ähnlich mit der unserer Tochter Regula. Auch sie liebte Tiere und wir besuchten monatlich den Zürich-Zoo. Vor dem Tigerkäfig rief sie namentlich nach den Tigern und siehe da …, sie kamen zweitweise an das Gitter. Im Alter von 4 Jahren sagte sie: „ich werde Tierärztin.“ Heute ist sie als Dr. med. vet. in einer Grosstierarztpraxis tätig. Immer wieder schwärmt sie von den Besuchen im Zürich-Zoo. Chüngel, Du hast ein Paradies geschaffen, herzlichen Dank.

Mit den allerbesten Wünschen und einem festen ALLZEIT BEREIT! Strick

Hans Schuler sagt:

Ausgezeichneter Artikel, informativ und lehrreich. Herr Dr. Rübel hat grosse Arbeit geleistet. Danke für alles.

fritz schmocker sagt:

sehr gut

M.F. sagt:

Den vorliegenden Artikel über und mit Dr. Alex Rübel finde ich einfach grossartig und sehr wissenswert! Dieser Beitrag ist eine kleine aber sehr wichtige Würdigung ubseres ehem. Zoodirektors. Herzlichen Dank für ihr beinahe 30 Jahre grosses Wirken mit Ihren Mitarbeitenden für den Zürcher Zoo. Ich kenne den Zoo von einst (1960) und heute und kann deutlich erkennen, wie sich der Zoobetrieb vor allem ab 1991 unter Ihrer Leitung grandios weiterentwickelt (auch in causa Tierwohl und Naturschutz). Unsere Familien wünschen Ihnen wekterhin Gesundheit und Befriedigung viel Freude mit Ihren Enkeln auch beim Zoobesuch!