Portrait Christof Drexel

Das Suffizienz-Potenzial

Kolumne von christof drexel, 21.01.2020

Suffizienz wird oft mit Verzicht und Einschränkungen in Verbindung gebracht. «Muss man denn auf alles Schöne verzichten?», wurde ich sogar kürzlich in einem Interview gefragt. Dabei ist der Begriff im Lateinischen durchaus positiv besetzt: «Sufficere» steht für ausreichen, genügen.

Suffizient kann Vieles sein: eine minimierte Heizung, die gerade so gross ist, dass die benötigte Wärme in das energieoptimierte Gebäude eingebracht werden kann. Eine Strassenbeleuchtung, die zwischen 01:00 und 05:00 Uhr nachts deaktiviert oder nur mittels Bewegungssensor eingeschalten wird. Unter die Überschrift «Suffizienz» fällt auch der «Aktionsplan Flugreisen» im Rahmen des «Klimapakets Bundesverwaltung», das im Dezember vom Bundesrat verabschiedet wurde: Anstelle von Face-to-Face-Meetings sollen vermehrt Telefon- und Videokonferenzen abgehalten werden; internationale Konferenzen sollen von kleineren Delegationen besucht werden. (Und Kurzstreckenflüge sollen durch Zugfahrten ersetzt werden, was allerdings eine Frage der Effizienz ist.)

Suffizienz bedeutet oft, etwas nicht zu tun. Etwas, das gar nicht erforderlich ist, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Im persönlichen Bereich geht es deshalb um die Frage, was man denn überhaupt erreichen will. Ein glückliches Leben wäre vielleicht ein Ziel, auf das man sich gut einigen könnte. Interessant, was uns die Wissenschaft hierzu rät: Mehr Zeit in der Natur zu verbringen, zum Beispiel. Oder täglich meditieren. Oder anderen helfen. Aber keine Rede von Smartphones oder SUVs, auch die jährliche Südseereise und das tägliche Steak stehen nicht auf den gängigen Listen. Zum Glück braucht es offenbar gar nicht so viel. Und zum Glück führt uns dieser «ausreichende», vom Überfluss befreite Lebensstil auch aus der Klimakrise: Wer den Konsum von industriell produzierten Gütern um 25 Prozent reduziert, hat in der Regel mehr Emissionen eingespart als sein gesamter Haushaltsstrom verursacht.

Wenn wir 2050 ausschliesslich mit Erneuerbaren auskommen wollen, brauchen wir neben der Effizienz- auch die Suffizienz-Strategie. Der grosse Nachteil: Man kann Suffizienz nicht verordnen. Herauszufinden, was man wirklich braucht, ist eine zutiefst persönliche Angelegenheit. Die Hoffnung: Je mehr Menschen demonstrieren, dass man auch mit weniger Materiellem glücklich sein kann, umso eher findet der erforderliche Wandel statt.

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