Das Orchester und der Chor im Proberaum.

Die «Oper für alle» fand nicht exakt dort statt, wo sie stattfand – dank Glasfasertechnologie

Dank der blitzschnellen Glasfasertechnologie konnte die Opernsaison fast wie geplant eröffnet werden. Während die Solistinnen und Solisten auf der Opernhausbühne standen, befanden sich Orchester und Chor in einem Gebäude, das 500 Meter entfernt war. Wie gut das funktionierte, konnten Opernfans gratis an drei online live gestreamten Vorführungen im Rahmen von «Oper für alle – digital» verfolgen.
Smart City von Jan Graber, 01.10.2020
Detailaufnahme der Fassade des Opernhauses im Gegenlicht.
Installation des Logos Opernhaus Zürich oberhalb der Eingangstüre zum Opernhaus.

Enrique Mazzola senkt die Hand, eine kurze Bewegung mit dem Taktstock. Ton um Ton verstummen die Geigen, Flöten und die Pauken, das Blech und der Chor. Der Dirigent drückt einen Knopf auf dem Schaltpult zu seiner Rechten und spricht ins Mikrofon – ein Mix aus Italienisch und Englisch. Aus den Lautsprechern vor ihm erklingt die Antwort der Solistin auf der Bühne. Daraufhin hebt Mazzola den Taktstock, nennt auf Deutsch die Taktnummer. Ein kleiner Aufschwung mit dem Stock und das 53-köpfige Orchester setzt spielfreudig an der besagten Stelle ein.

Wir befinden uns mitten in der Probe für «Maria Stuarda» von Gaetano Donizetti, einem gewaltigen und ausdrucksstarken Stück über das Duell der englischen Königinnen Mary Stuart und Elizabeth I. Zusammen mit der Operette «Die Csárdásfürstin» von Emmerich Kálmán und der Oper «Boris Godunow» von Modest Mussorgski bildet «Maria Stuarda» den Auftakt zu einer neuen Saison im Opernhaus, wegen Covid-19 unter erschwerten Bedingungen. So kann die beliebte «Oper für alle» dieses Jahr nicht wie üblich auf dem Sechseläutenplatz von Zürich durchgeführt werden. Stattdessen fand sie als «Oper für alle – digital» per Livestream im Internet statt (siehe Box).

Am Eingang zum Opernhaussaal hängt ein Schild mit dem Hinweis Stop, Probe!
Auf der Bühne liegt eine Figur eines weissen Pferdes, auf dem ein Skelett mit Gesichtsmaske sitzt.
Bühnenarbeiter verpacken ein Skelett in eine Holzkiste in Sargform.
Porträt von Sebastian Bogatu, Technischer Direktor des Opernhauses
Sebastian Bogatu, Technischer Direktor des Opernhauses

Neu ist vieles aber auch für die Musikerinnen und Musiker: Bei der Probe und zur Aufführung bleibt der Orchestergraben des Opernhauses nämlich leer. Auch der Chor wogt nicht wie sonst um die Protagonistinnen auf der Opernhausbühne. Auf der Bühne vor Publikum agieren bloss die Solistinnen und Solisten und allenfalls – wie bei «Maria Stuarda» – rund ein Dutzend stumme Statistinnen und Statisten sowie Chormitglieder. Das Publikum vor Ort hört die Musik dennoch, als wäre der Orchestergraben besetzt und der Chor stünde auf der Bühne: Das 90-köpfige Ensemble befindet sich jedoch im grossen Probesaal am Kreuzplatz, rund 500 Meter Luftlinie vom Opernhaus entfernt. Verbunden sind die beiden Spielstätten lediglich durch Licht: zwei millimeterdünne Glasfaserkabel, die das Opernhaus mit dem Saal am Kreuzplatz so nah aneinanderrücken, als befänden sie sich im gleichen Raum. Zumindest fast.

«Viele Opernhäuser in deutschen Städten schauen gerade ziemlich neidisch nach Zürich.»

«Möglich ist dies nur wegen des gut ausgebauten Glasfasernetzes der Stadt Zürich», sagt Sebastian Bogatu, Technischer Direktor des Opernhauses. Zürich sei weltweit führend. Im September 2012 entschied das Zürcher Stimmvolk nämlich, dass Zürich ein schnelles Internet mittels Glasfasertechnologie erhalten soll. Daraufhin baute ewz das neue Netz, legte tausende Kabelstränge und schloss die Menschen der Stadt Zürich ans blitzschnelle World Wide Web an. «Viele Opernhäuser in deutschen Städten schauen gerade ziemlich neidisch nach Zürich», sagt Bogatu. Nicht nur des schnellen Internets wegen, sondern auch, weil das Opernhaus Zürich über eine Raumklanganlage verfügt, die bei geschlossenen Augen vorgaukelt, das Orchester befände sich wirklich im Orchestergraben. Dank den 80 Lautsprechern könne jedes Instrument auf jeder Position im Zuschauerraum virtuell so platziert werden, wie man es tatsächlich aus dem Orchestergraben hören würde. «Der Klang ist fast beängstigend perfekt», sagt Bogatu. Ohne die technischen Möglichkeiten, die Opern in getrennten Räumlichkeiten durchzuführen, wäre das Opernhaus indessen vor dem Aus gestanden.

Nahaufnahme des Kornleuchters, der an der Decke des Opernsaals hängt.
Blick in einen technischen Raum.
Ein Bildschirm zeigt sowohl den Dirigenten als auch die Opernhausbühne.
Nahaufnahme von Kabelrollen.
Porträt von Oleg Surgutschow, Tonmeister.
Oleg Surgutschow, Tonmeister

Glücklicherweise kam es anders – auch weil das Opernhaus schon früh nach alternativen Möglichkeiten suchte, um Opern im grossen Stil aufführen zu können. Besonders die Tonmeister Oleg Surgutschow und Mike Utz legten sich ins Zeug und initiierten die Idee mit der Glasfasertechnologie. Sie forschten nach geeigneten Geräten, die das Licht der Glasfaserkabel blitzschnell in Töne und Musik umwandeln können. Und sie gelangten an ewz, um die Möglichkeit einer direkten Leitung zwischen Opernhaus und Kreuzplatz zu prüfen. Es war möglich: Da Zürich schon so gut vernetzt war, bestanden die Leitungen schon. So mussten von ewz lediglich noch zwei Faserpaare exklusiv für die Verbindung der beiden Spielorte zugewiesen werden. «Es dauert drei Millisekunden, bis der Ton vom Kreuzplatz im Opernhaus ankommt», sagt Surgutschow stolz. Zum Vergleich: Der Schlag eines Augenlids dauert zwischen 100 und 150 Millisekunden. Das menschliche Hirn kann diese akustische Verzögerung nicht mehr wahrnehmen: Die Musik klingt, als würde sie direkt vor einem spielen. «Beim Bild haben wir eine Verzögerung von etwa 10 Millisekunden», ergänzt der Tonmeister und fügt eine weitere Zahl an: «Aktuell haben wir eine Datenübertragungsrate von acht Gigabit pro Sekunde.» Zürcher Haushalte mit Gigabit-Anschluss schaffen es in der Regel auf etwa 900 Megabit pro Sekunde.

Die Technik im Detail: Lichtbrücke

Um eine reibungslose Übertragung der Audio- und Videosignale in beiden Richtungen zu gewährleisten, stehen dem Opernhaus zwei Glasfaserpaare zur Verfügung. Die Signale laufen nur über ein Faserpaar, das zweite käme bei einem Ausfall zum Einsatz. Die Audiosignale (48 kHz/24 bit) von 60 Mikrofonen und zwei Full-HD-Videosignale werden vom Kreuzplatz ans Opernhaus geschickt, in umgekehrter Richtung sind es 25 Audiosignale und vier Videosignale. Theoretisch wären 128 Signale in jeder Richtung möglich. Damit dies ohne Verzögerung klappt, müssen 10 Gigabit pro Sekunde über die Leitungen geschickt werden können.

Eine schnelle Leitung alleine macht indessen keine Oper. Damit das Werk nicht zur Katzenmusik verkommt, müssen das Ensemble und die Solistinnen und Solisten auf exakte und verlässliche Weise miteinander kommunizieren können. Der Dirigent muss für alle gut sichtbar sein, die Sängerinnen und Sänger auf der Bühne müssen das Orchester und den Chor taktgenau hören und den Dirigenten auf mehreren Bildschirmen rund um die Bühne sehen. Umgekehrt müssen die Musiker am Kreuzplatz sehen und hören können, was auf der Bühne vor sich geht. Der Dirigent steht deshalb nicht wie einst an einem simplen Notenpult, sondern hat um sich herum eine komplette Schaltzentrale.

Porträt von Enrique Mazzola, Dirigent der Produktion «Maria Stuarda»
Enrique Mazzola, Dirigent der Produktion «Maria Stuarda»

Um seinen Arbeitsplatz zu beschreiben, steht der quirlige Enrique Mazzola in seinem winzigen Büro hinter der Bühne auf und führt es vor. «Links von mir habe ich ein Mischpult für den Klang. Rechts von mir ein Gerät mit Mikrofon. Damit kommuniziere ich mit dem Opernhaus. Vor mir habe ich die Noten, dahinter einen grossen Bildschirm, auf dem ich die Opernhausbühne sehe. Über dem Bildschirm ist eine Kamera, die auf mich gerichtet ist. Und daneben befinden sich zwei Lautsprecher.» Für Mazzola ist diese Form der Arbeit nicht neu: Er hat auch schon Opern an den Bregenzer Festspielen dirigiert, wo Orchester und Sänger örtlich ebenfalls getrennt sind. Dennoch sei diese Situation speziell. «Kunst live zu gestalten ist ein wichtiger Ausdruck der Menschen. Der Augenkontakt ist dabei sehr wichtig», sagt er. Dieser aber sei über die Bildschirme, wo die Köpfe der Solistinnen gerade mal zwei Zentimeter gross sind, eher schwierig.

«Kunst live zu gestalten ist ein wichtiger Ausdruck der Menschen.»

Mazzola steuert das Geschehen indessen nicht alleine: Hinter ihm am Kreuzplatz sitzen die Mitarbeitenden des Tons. Auch sie haben ein Mischpult vor sich, neben ihnen steht ein riesiger Bildschirm, auf dem vier Aufnahmen zu sehen sind: Zwei Bilder zeigen das Geschehen auf der Bühne im Opernhaus, eines den Dirigenten am Kreuzplatz und eines das Orchester und den Chor. Die Tonmitarbeitenden am Kreuzplatz stehen in engstem Kontakt zu ihren Kolleginnen und Kollegen im Opernhaus und überwachen das Geschehen. «Die Inspizienten und die Tontechniker stehen heute sehr viel stärker im Fokus als früher», sagt der Technische Direktor Sebastian Bogatu.

Die Sitzplätze des Orchesters sind auf Grund von Corona mit genügend Abstand voneinander im Proberaum positioniert.
Die Kamera, die den Dirigenten filmt, mit dem Proberaum unscharf im Hintergrund.
Ansicht eines verkabelten technischen Geräts.
Ein Bildschirm, der sowohl das aktuelle Geschehen im Proberaum, als auch auf der Bühne aufzeigt.
Blick von oben auf eine technische Anlage im Proberaum.

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Porträt von Kristof Dohms, Chorvorstand.
Kristof Dohms, Chorvorstand

Aber auch die Situation für die Musikerinnen und Musiker hat sich geändert – besonders für die Sängerinnen und Sänger des Chores. «In der Oper übernimmt der Chor normalerweise auch schauspielerische Aufgaben», sagt Kristof Dohms, erster Bass und Chorvorstand. Weil der Chor jetzt separat singt, falle dies weg. «Das Schauspielen fehlt uns», sagt Dohms. Neu sei auch die Distanz zwischen den Chormitgliedern. «Der direkte Blickkontakt zwischen den Musikern und den Sängerinnen auf der Bühne fällt ebenfalls weg», ergänzt Michael Salm, Geiger und Orchestervorstand. In vielen Werken gebe es Stellen, wo ein Solist direkt mit einer Sängerin zusammenspielt. Im Normalbetrieb würden sie sich über direkte Blicke verständigen und auf kleinste Bewegungen reagieren. Das sei nun nicht mehr möglich. «So geht die Magie des Moments verloren», sagt Salm und fügt an: «Man merkt, was einem wirklich fehlt.» Umso entscheidender ist deshalb die Erfahrung, die alle im Ensemble am Kreuzplatz und auf der Bühne im Opernhaus mitbringen.

Nahaufnahme einer Oboe.
Nahaufnahme eines Kontrabass.
Porträt von Michael Salm, Orchestervorstand.
Michael Salm, Orchestervorstand

Trotz allen Hindernissen: Die Geigerinnen und Geiger, Bläser, Perkussionisten und Flötistinnen, die Bässe, Tenöre, Sopranistinnen, der Dirigent, die Inspizientinnen und Tonmeister und zuvorderst die Stars der Oper wie Diana Damrau, Annette Dasch oder Michael Volle sind überglücklich, dass sie wieder auf der Bühne respektive den Bühnen stehen können und das Opernpublikum dank modernster Technologie mit ihren Aufführungen beglücken dürfen. «Für Opernfans ebenso wie für uns Musiker ist es eine grosse Erleichterung, dass wir wieder auftreten können», sagt der Stardirigent Enrique Mazzola, schreitet zu seiner Schaltzentrale und hebt den Taktstock.

Rückblick: Oper für alle – digital

In normalen Zeiten wäre die beliebte «Oper für alle» im Juni über die Bühne gegangen, wenn sich etwa fünfzehntausend Opernfans auf dem Sechseläutenplatz versammelt und auf einem riesigen Bildschirm gratis die im Innern des Opernhauses gespielten Opern verfolgt hätten. Infolge der Coronakrise wurde das Happening dieses Jahr jedoch als «Oper für alle – digital» digital als Livestream übertragen. 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn konnte online bereits das Vorprogramm geschaut werden; die Aufführungen waren danach jeweils für 48 Stunden auf der Website des Opernhauses abrufbar. Die Aufführungen waren angereichert mit Backstage-Berichten und Interviews.

Auf dem hochkarätigen Programm standen:
25. September: «Die Csárdásfürstin», Operette von Emmerich Kálmán.
26. September: «Boris Godunow», Oper von Modest Mussorgski
27. September: «Maria Stuarda», Oper von Gaetano Donizetti

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Bisherige Kommentare (1)
Meier Fredy sagt:

ich finde es eine Super Sache