Klimaneutralität: Was ist das?

Kolumne von christof drexel, 3.3.2020
Portrait Christof Drexel

Buchautor und Referent Christof Drexel ist Experte für Fragestellungen rund um die Energiezukunft und deren nachhaltige Erreichbarkeit. Mehr zu seiner Person im Portrait, seine Meinungsartikel erscheinen alle 2 Wochen als Kolumne auf powernewz.

Eigentlich ein einfaches Wort: Eine Handlung, ein Prozess, ein Mensch, ein ganzes Land kann klimaneutral sein. Wenn die einzelne Handlung oder eben die Handlungen aller Menschen in einem Land zu keiner Veränderung des Klimas führen, ist Klimaneutralität gegeben. «Keine Veränderung des Klimas» bedeutet wiederum, dass sich die Treibhausgas-Konzentration in der Atmosphäre nicht verändert. Man spricht auch von der «Netto-Null»: Wenn zwar Treibhausgas­emissionen freigesetzt werden, gleichzeitig der Atmosphäre aber auch Treibhausgase mit demselben Effekt entzogen werden, ist das ebenfalls klimaneutral.

Wenig überraschend nimmt man es mit dieser Definition aber – zulasten des Klimas – nicht immer so genau.

Beispiel 1: Produkten oder Prozessen wird dieses Attribut verliehen, obwohl bestenfalls eine Reduktion der Treibhausgas-Emission vorliegt. Zum Beispiel beim «Klimaneutralen Fliegen»

Beispiel 2: Die Emissionen werden «kompensiert», aber nicht klimaneutral gestellt: Für einen bestimmten Geldbetrag kann man bei mittlerweile zahlreichen Anbietern Emissionen kompensieren. Das Geld wird dann beispielsweise in Windkraft oder Photovoltaik oder in Energieeffizienz investiert. Dadurch werden Emissionen in der gewünschten Höhe vermieden. Aber eben nicht der Atmosphäre entzogen. Die eigene Emission gelangt jedenfalls in die Atmosphäre – klimaneutral ist das nicht.

Beispiel 3: Die Schweiz und auch andere Länder haben sich dem Ziel der Klimaneutralität verschrieben. Das ist gut und wichtig. Betrachtet werden allerdings nur die sogenannten territorialen Emissionen – also jene Emissionen, die innerhalb der Landesgrenzen entstehen und in die Atmosphäre entweichen. Diese Emissionen sollen soweit wie möglich (ohne genauere Definition) reduziert werden und der verbleibende Rest wieder der Atmosphäre entzogen werden. In unseren europäischen Ländern wird aber viel weniger emittiert als verursacht: Durch Importe von Lebensmitteln und Konsumgütern entstehen Emissionen an anderen Orten der Welt.

Wenn wir es wirklich ernst meinen mit dem Stoppen der globalen Erwärmung, müssen wir auch echte Klimaneutralität anstreben: Alle verursachten Emissionen müssen der Atmosphäre wieder entzogen werden. Diese «negativen Emissionen» (zum Beispiel durch Aufforstung) können mit vertretbarem Aufwand global auf ein Ausmass von rund 10 Gigatonnen CO2-Äquivalent gebracht werden (Quelle). Wenn die Weltbevölkerung im Jahr 2040 oder 2050 auf rund 10 Milliarden angewachsen sein wird, steht somit jedem Menschen ein «Kontingent» von einer Tonne CO2-Äquivalent zu. Heute liegt der Pro-Kopf-Wert in der Schweiz bei etwa 14 Tonnen (Quelle).

Klimaneutralität ist erreichbar, wenn wir die heute verursachten Emissionen um über 90% reduzieren. Mit erneuerbaren Energien, Energieeffizienz sowie Suffizienz stehen uns drei probate Strategien zur Verfügung. Wir brauchen sie alle.

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