Klimaneutral fliegen?

Kolumne von christof drexel, 4.2.2020
Portrait Christof Drexel

Mit seinem umfangreichen Wissen und offenem Blick für Mitteleuropa sowie die Schweiz schreibt Christof Drexel für powernewz alle zwei Wochen einen Meinungsartikel.

Mit der SWISS kann man jetzt auch klimaneutral fliegen [kürzlich in der NZZ]. Nicht durch eine Kompensation über atmosfair oder compensaid oder einen anderen Anbieter von CO2-Kompensationsleistungen, sondern richtig. Klimaneutral fliegen – mit nachhaltigem Treibstoff. Bucht man beim Ticketkauf «SAF» (Sustainable Aviation Fuels, also nachhaltige Flugverkehrs-Treibstoffe) dazu, kauft SWISS die adäquate Menge SAF ein und mengt sie im Laufe der nächsten sechs Monate dem fossilen Kerosin bei. SAF können flüssige Treibstoffe aus Energiepflanzen sein oder synthetisch hergestellt werden: Mithilfe von elektrischem Strom aus erneuerbaren Quellen wird Wasserstoff und unter Zugabe von Kohlenmonoxid Synthesegas produziert, das wiederum über die sogenannte Fischer-Tropsch-Synthese zu flüssigem Treibstoff wird.

Nur: Woher kommen die SAF in den benötigten Mengen, wenn der gesamte Flugverkehr umgestellt wird (und nur das kann das langfristige Ziel sein)?

Möglichkeit 1: Wir bauen ausreichend Energiepflanzen an. Pro Hektar können je nach Pflanzenart Treibstoffe mit 5’000 bis 50’000 kWh Energieinhalt geerntet werden [Quelle]. Der hierfür häufig verwendete Raps liefert ca. 14’000 kWh. Wollten wir nur den Kerosinbedarf des Zürcher Flughafens decken (2018 waren es 1,75 Mrd. Liter mit einem Energieinhalt von knapp 17 Mrd. kWh = TWh), wäre hierfür eine Anbaufläche von 1,2 Mio. Hektar erforderlich. Alle restlichen Flughäfen der Schweiz würden etwa nochmal so viel benötigen. Zum Vergleich: Die gesamte Ackerfläche der Schweiz nimmt – für die Lebensmittelproduktion – heute ein Ausmass von etwas mehr als 1 Mio. Hektar ein [Quelle]. Das wird also nicht funktionieren, nicht einmal ein Anteil von 10% scheint realistisch.

Möglichkeit 2: Wir bauen die Erneuerbaren für die Stromproduktion entsprechend aus. Mit einem Wirkungsgrad von rund 50% der Power-to-Liquid-Technologien wären (wieder nur für Zürich) 34 TWh an elektrischer Energie erforderlich, für die ganze Schweiz wieder etwa das Doppelte. Zum Vergleich: Die gesamte verfügbare Energie aus heimischer Wasserkraft macht etwa 37 TWh aus; Photovoltaik steuert derzeit 2 TWh bei. Auch diese Strategie ist somit vollkommen aussichtslos.

Hinzu kommt: Das CO2, das in mehreren Tausend Metern Flughöhe emittiert wird, verursacht einen deutlich stärkeren Treibhauseffekt als die reine Verbrennung des Kerosins. Durch die direkte Emission von Wasserdampf und Stickoxiden sowie eine Reihe weiterer Effekte wird der Treibhauseffekt um den Faktor 2,7 verstärkt (man spricht vom RFI-Faktor – Radiative Forcing Index).

Auch wenn also das emittierte CO2 zuvor der Atmosphäre entnommen wurde, der zusätzliche Effekt bleibt. Auch die 100%ige Verwendung von SAF würde den Treibhauseffekt des Flugverkehrs bestenfalls um 40% reduzieren.

Leider: Das klimaneutrale Fliegen im heutigen Ausmass wird ein (Menschheits-)Traum bleiben. Wie leicht scheint es demgegenüber, einfach auf jeden zweiten Flug zu verzichten? Es hätte den grösseren Effekt und ist ohne jeglichen Aufwand erreichbar.

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