Grosse offene Treppe mit farbigem Teppich. Abendstimmung mit Beleuchtung durch Scheinwerfer.

Mit der Kreislaufwirtschaft Werte länger erhalten

Das nachhaltige Konzept der Kreislaufwirtschaft ist heute aktueller denn je. In Zeiten von Klimawandel und Bewusstsein für die Endlichkeit der weltweit vorhandenen Ressourcen verspricht der Ansatz Antworten auf grosse Fragen des 21. Jahrhunderts. Ein Einblick in das System anhand von Erfolgsbeispielen.

Einer der Höhepunkte der Internationalen Filmfestspiele von Cannes war auch in diesem Jahr wieder die Love Party. Ausgiebig bietet der Event der angereisten Filmprominenz jeweils die Gelegenheit, sich für die Photographen in Pose zu setzen. Ein sicher weniger cineastisches, dafür aber nicht minder aktuelles Highlight der Party war der Teppich, auf dem die Prominenz wandelte. Produziert hatte ihn das italienische Unternehmen Aquafil. Gewoben wurde der Läufer zu 100% aus rezykliertem ECONYL® Nylon von alten Fischernetzen und Teppichfliesen. Aquafil zählt heute weltweit zu den führenden Anbietern nachhaltig produzierter Kunstfasern. 

Der marketingtechnisch geschickt gewählte Schachzug des Unternehmens wirft ein Licht auf ein Wirtschaftskonzept, das bereits heute immer mehr zur Realität wird und zu den vielversprechendsten Lösungsansätzen für die grossen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zählt: demjenigen der Kreislaufwirtschaft. 

Linear- versus Kreislaufwirtschaft

Wegwerfplastik hat es dieser Tage schwer. Unlängst als ökologischer Sündenfall identifiziert, wird der Verkauf von Einwegbesteck, Wattestäbchen und Strohhalmen gemäss einer Meldung der Europäischen Union ab 2021 gänzlich verboten. Dabei stehen diese Produkte, wie kaum andere, stellvertretend für ein Wirtschaftsmodell, das in der westlichen Welt vorherrscht und auf das unsere Lebensweise ausgerichtet ist: Aus vorhandenen Rohstoffen werden Produkte hergestellt, die dann konsumiert und im Anschluss im Abfall entsorgt, verbrannt oder deponiert werden. Der im Januar dieses Jahres am WEF in Davos vorgestellte «Circularity Gap Report» der Vereinten Nationen geht denn auch davon aus, dass dies heute weltweit noch bei über 90% der hergestellten Produkte der Fall ist. 

Als Alternative zu diesem historisch gewachsenen linearen Modell versteht sich die Kreislaufwirtschaft. Mit dem Ansatz sollen künftig einerseits natürliche Ressourcen geschont und die Abfallproduktion reduziert werden. Andererseits setzt sie es sich aber auch zum Ziel, dass weniger CO2emittiert und Energieverschwendung vorgebeugt wird. 

Im Kern geht es bei der Kreislaufwirtschaft darum, den Wert der in Materialien und Produkten enthaltenen Rohstoffe mit unterschiedlichsten Massnahmen so lange wie möglich zu erhalten und damit deren Lebenszyklen zu verlängern. Ist das Lebensende derselben dann doch erreicht, werden in einer Kreislaufwirtschaft ihre Bestandteile möglichst umfänglich zu Sekundärrohstoffen für neue Produkte. Damit schliesst sich der Kreis und beginnt von Neuem.  

Eine Schlüsselrolle in einem umweltverträglichen und nachhaltigen Wirtschaftskonzept, wie es die Kreislaufwirtschaft darstellt, spielt die Wahl der Energieart. Als Naturstrom soll sie bei der Fertigung, der Aufbereitung und der Verwertung von Produkten Verwendung finden und stammt zu 100% aus erneuerbaren Quellen, wie der Wind-, der Wasserkraft oder der Photovoltaik. 

Da die Kreislaufwirtschaft als gesamtheitliches Konzept angelegt ist, spielen kreislaufwirtschaftliche Überlegungen und Handlungen während des ganzen Lebens von Materialien und Produkten eine grosse Rolle. Das beginnt bereits beim Design und der Herstellung und zieht sich über den Vertrieb und die (Wieder-)Verwendung bis hin zur Sammlung und dem Recycling.

Auch in der Europäischen Union ist man davon überzeugt, dass das Modell der Kreislaufwirtschaft für die Zukunft wegweisend sein wird. Bereits seit 2015 unternimmt man hier im Rahmen des «Aktionsplans Kreislaufwirtschaft» erhebliche Anstrengungen für eine Transformation der bestehenden Wirtschaft in Richtung Kreislaufwirtschaft. Dadurch verspricht man sich Impulse für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum und eine stärkere Unabhängigkeit von Rohstoffimporten. 

Offener Kleiderschrank mit zwei Abteilungen. Im linken Abteil hängen Männerhemden und im rechten Abteil hängen Frauenkleider. Oben rechts auf dem Tablar liegt ein Strohhut. Unten rechts steht ein Koffer.
Offener Kleiderschrank mit zwei Abteilungen. Im linken Abteil liegen Kleider und Taschen und im rechten Abteil hängen weisse und rosarote Frauenkleider. Der Modular aufgebaute Schrank hat neben den beiden Abteilungen rechts oben noch zwei weitere Fächer die an der Wand befestigt sind.
Möchte bis 2030 umfänglich auf Kreislaufwirtschaft umstellen: IKEA

Bereits beim Design beginnt der Kreislauf

Vonseiten zahlreicher Unternehmen existieren heute denn auch immer mehr Überlegungen und Anstrengungen dazu, wie Produkte und Materialien bereits von Anfang an «kreislauffähig» gemacht werden können. Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang das kreislauforientierte Design. Hier vereinen sich, noch bevor das Produkt überhaupt existiert, Fragen nach der grundsätzlichen Rezyklierbarkeit seiner Materialien, aber auch nach seinem bestmöglichen Aufbau und seiner Langlebigkeit. Auch ob das Produkt grundsätzlich reparierbar ist und ob es im Lauf der Zeit für verschiedene Zwecke genutzt werden kann, sind wichtige Fragen, die man sich im Rahmen des kreislauforientierten Produktdesigns stellen muss.

Als einer der Vorreiter auf dem Gebiet des kreislauforientierten Designs gilt IKEA. Im Rahmen seiner Strategie «People & Planet Positive» hat sich der schwedische Möbelkonzern das ambitionierte Ziel gesetzt, bis 2030 umfänglich auf Kreislaufwirtschaft umzustellen. In seinen Produkten spielt das kreislauforientierte Design schon heute eine wichtige Rolle. Ein gutes Beispiel dafür ist die PLATSA-Serie, die durch ihren modularen Aufbau darauf ausgelegt ist, mit ihren Besitzern zusammen in verschiedenen Funktionen alt zu werden. 

Ein anderes Beispiel für nachhaltiges Design ist die 2014 eingeführte und bio-basierte Frischmilchverpackung Tetra Rex® von Tetra Pak. Sie besteht ausschliesslich aus Karton aus FSC-zertifiziertenWäldern und anderen kontrollierten Quellen sowie aus Kunststoff auf pflanzlicher Basis. Alle Rohstoffe können bis zu ihrem Ursprung zurückverfolgt werden. Nachwachsende Rohstoffe regenerieren sich durch nachhaltige Bewirtschaftung im Lauf der Zeit und ermöglichen die Abkehr von erdölbasierten, fossilen Rohstoffen. Sie reduzieren die Umweltbelastung und verbessern die Ressourceneffizienz. Damit war das Produkt von Anfang an darauf ausgelegt, zu 100% wieder in die Kreislaufwirtschaft integriert zu werden und wurde nach diesen Gesichtspunkten designt.

Bild Eins Mann bastelt an einer Kamera welche auf einem Tisch liegt. Gegenüber sitzt eine Frau die ihm zuschaut. Die beiden sitzen an einem langen Tisch in einer Halle in der sich noch weitere Menschen befinden. Die anderen Menschen laufen herum oder sitzen auch am Tisch weiter hinten. Bild Zwei Zwei Männer sitzen an einem Tisch und reparieren elektronische Geräte. Bild Drei Ein älterer Mann repariert sitzend eine Lampe während ein anderer Mann stehend ihm dabei hilft.

Optimieren durch Reparieren und Teilen 

Der zentrale Abschnitt im Leben eines Produkts oder eines Materials ist die Phase, in der es seine Verwendung findet. Damit diese möglichst lange währt, gibt es ganz verschiedene Ansätze. Manche gab es schon früher. In der jüngeren Vergangenheit werden sie wieder neu entdeckt. Andere sind ganz neu und verlangen ein Umdenken in Bezug auf die klassische Rolle des Besitzes eines Produkts. Gerade hier entstehen aber auch neue Geschäftsmodelle in einer Kreislaufwirtschaft.  

So erleben Reparaturservices, aber auch Dienste, die gebrauchte Geräte aufarbeiten (engl. Remanufactoring), und solche, die sie instand setzen (engl. Refurbishing), in den letzten Jahren wieder eine Renaissance. Ein Beispiel dafür sind die heute 126 Repair Cafés, in denen defekte Produkte von Profis ehrenamtlich repariert werden. Ein anderes Beispiel ist der Reparaturführer, eine Kooperation von Schweizer Städten und Gemeinden, die sich als Plattform für den Informationsaustausch zu Reparaturen versteht. 

Bleibt man in diesen Fällen immer noch Eigentümer des zu reparierenden Produkts, so gibt es in der Kreislaufwirtschaft aber auch neue Ansätze, wo dies nicht mehr zwingend der Fall sein muss. Teilen anstatt Besitzen heisst nicht selten die nachhaltigere Devise in dieser Lebensphase des Produkts. Bedenkt man beispielsweise, wie viel man die eigene Bohrmaschine pro Jahr verwendet, macht das durchaus Sinn.

Auch die Hersteller von Produkten haben das erkannt. Im Sinn ihrer kreislaufwirtschaftlichen Bestrebungen erweitern viele Unternehmen heute ihre klassischen Geschäftsmodelle und kreieren neue. So setzen sich Ideen zu Leasing und Sharing oder auch zu Abos auch in anderen Bereichen durch, was bis anhin häufig auf die Mobilität beschränkt war.

Ein gutes Beispiel dafür ist das Unternehmen Signify (ehemals Philips Lighting), das Licht neuerdings in Form einer Dienstleistung erbringt. So illuminiert das niederländische Unternehmen seit 2015 den Flughafen Schipholin Amsterdam und verkauft «Licht» anstelle von «Lampen». Dabei bleibt Signify Besitzer der Beleuchtung und wartet sie selber. Der Flughafenbetreiber bezahlt pro geleistetem Lux. Dadurch werden effizientere und wartungsärmere Glühbirnen verwendet, die langlebiger und wiederverwertbar sind. Gemäss Signify konnte so der Stromverbrauch um 35% bis 55% gesenkt und durch den regelmässigeren Kundenkontakt die Beziehung zum Kunden vertieft werden. Ein Wegbereiter der Kreislaufwirtschaft in der Schweiz ist die Bauwerk Parkett AG aus St. Margrethen, die als erstes Unternehmen seine Produktion nach dem «Cradle-to-Cradle-Prinzip»zertifizieren liess. Das Unternehmen schliesst seinen Produktekreislauf, indem es die verlegten Parkettböden nach jahrelangem Gebrauch zurücknimmt und nach einer Instandsetzung und Aufarbeitung neu verlegt. Nachhaltig werden so Ressourcen geschont.

Mit dem Sammeln und Rezyklieren schliesst sich der Kreis und beginnt von Neuem

Hat ein Produkt sein Lebensende in einer Kreislaufwirtschaft erreicht, werden seine Bestandteile zu Sekundärrohstoffen für neue Produkte. Dafür müssen sie zunächst gesammelt werden. Als ein Schweizer Erfolgsbeispiel in diesem Zusammenhang gilt die Sammlung alter Elektrogeräte. Pro Jahr und Kopf der Bevölkerung fallen gemäss Angaben von Energie Schweiz bei uns 17 kg Elektroschrott an. Bei Elektrogeräten liegt die Rücklaufquote zurzeit bei über 80%. Von diesen finden 90% der verwerteten Materialien wieder Eingang in den Materialkreislauf. 

Das Recycling stellt die letzte Lebensphase von Materialien und Produkten in der Kreislaufwirtschaft dar. Gleichzeitig beginnt der Kreislauf hier aber auch wieder von Neuem. 

Ein Beispiel für ein erfolgreiches Recycling sind PET-Flaschen. So werden beispielsweise in der Schweiz gemäss Angaben des Vereins PET-Recycling Schweiz (PRS) jedes Jahr mehr als 1,6 Milliarden PET-Flaschen abgefüllt und konsumiert. Rund 83% davon werden gesammelt und ein Grossteil davon zur Herstellung von neuen PET-Flaschen und weiteren Produkten verwertet. Gemäss Angaben von PRS ist das Recycling von PET-Getränkeflasche 74% klimafreundlicher, als wenn man sie im Abfall entsorgen würde. Mit der Rezyklierung von PET in der Schweiz werden jährlich so 138’000 Tonnen Treibhausgase vermieden. Das entspricht in etwa dem Ausstoss aller Personenwagen im Kanton Schaffhausen in der gleichen Zeit. Zudem braucht die Herstellung von neuem PET aus rezykliertem 52% weniger Energie. Damit werden jedes Jahr 47 Millionen Liter Erdöl eingespart. 

Ein anderes Beispiel für zukunftsorientiertes Recycling bietet das Zürcher Unternehmen Mr. Green mit seinem Recycling-Abo. Die Idee trifft den Geist der Zeit und ist vor allem auf das urbane Umfeld zugeschnitten. Der Kunde sammelt alle Wertstoffe in einem Sack, der dann von Mitarbeitern von Mr. Green abgeholt wird. Danach werden sie von Hand sortiert und schliesslich gesondert dem Recycling zugeführt. Dieses «Single-Stream-Recycling» kann aber auch für mittlere bis grössere Unternehmen durchaus attraktiv sein, wie das Beispiel der Kamu AG zeigt, die seit 2018 Industrieabfälle für das städtische Elektrizitätswerk Zürich, ewz, entsorgt: 

«Kurze Transportwege und getrennte Rohstoffe für neue Produkte – Recycling lohnt sich ökologisch und ökonomisch»

Bestrebungen, die gegenwärtige Wirtschaft Richtung Kreislaufwirtschaft umzubauen, sind zurzeit an vielen Orten zu beobachten und treffen den Nerv der Zeit. Meist gehen die Initiativen dazu heute von grösseren Unternehmen aus und stehen noch am Anfang. Die Zeichen verdichten sich aber, dass auch von staatlicher Seite das Thema verstärkt aufgegriffen wird. Im Hinblick auf die Endlichkeit der weltweit vorhandenen Rohstoffe und auf den Klimawandel sind solche Anstrengungen sinnvoll und notwendig. Auch wirtschaftlich kann sich das auszahlen. Mit der Kreislaufwirtschaft entstehen neue Geschäftsmodelle und Ansätze, das Konzept ist vielversprechend. Für eine ökologisch nachhaltigere Entwicklung in ihrem Sinn braucht es aber mehr. Die «Wegwerfmentalität» ist längst zum festen Bestandteil unseres Lebens geworden. Um von ihr wegzukommen, braucht es nicht zuletzt von allen beteiligten Akteuren ein Umdenken. Das beginnt bereits bei jedem und jeder Einzelnen von uns. Einfach ist das nicht. 

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