Leben mit 2000-Watt: mit Herz und Seele für Greencity

Seit der ersten Stunde dabei: Während für Manu Heim der Community-Gedanke im Zentrum steht, will Haydar Karatas mit seinem Ladencafé Farbe in die Siedlung bringen. Für Andreas Übersax ist Greencity hingegen der perfekte Ort für seinen E-Bike-Shop. Porträts dreier Pioniere.
Haydar Karatas sitzt auf einem Sofa und liest

Haydar Karatas: ein Herz fürs Quartier

Zu den ersten Bewohnern von Greencity gehören Haydar Karatas und seine Familie. Der Bestseller-Schriftsteller, dessen letztes Buch über 200’000 Abnehmer fand, kam 2003 als politischer Flüchtling in die Schweiz – er entstammt der Ethnie der Zaza, einer Minderheit im türkischen Ostanatolien. Karatas ist ein intellektuell engagierter Mann, der seine Worte mit Bedacht wählt. «Wir waren die erste Familie, die im Juli 2017 in der Genossenschaft Hofgarten einzog», sagt er und weist stolz darauf hin, dass das Gebäude einen Architekturpreis gewonnen hat. Zuvor habe er im Zürcher Kreis vier gewohnt und dort ein Kulturcafé betrieben; daneben arbeitete er am Obergericht, wo er zuständig für seltene Sprachen war. Wegen der zwei Kinder benötigten er und seine deutsche Frau mehr Platz. «Unser Wunsch war es auch, die Kinder nach ökologischen Prinzipien zu erziehen», sagt er. 

Ein Blick auf das Café Olive
Eine Gesamtansicht des Ladeninneren
Verschiedenfarbige Linsensorten in Glasbehältern

Für Karatas bedeutet Greencity mehr als Wohnen: Seit Oktober 2018 führt er zusammen mit den Geschäftsführerinnen Josephine Hoeffleur und Noemi Cecco nämlich das Ladencafé Olive, das zugleich ein Reformhaus mit ausgesuchten Bio-Produkten ist. Dass die Produkte unter anderem aus dem nahegelegenen Leimbach und vom Demeter-Betrieb Tüfihof in Adliswil stammen, freut ihn besonders: «Ich habe selbst auf den Höfen gearbeitet, um mir das nötige Bio-Wissen anzueignen.» Karatas ist mit seinem Wissen über orientalische Rezepte auch zuständig fürs Mittagsangebot in der Olive, das täglich frisch zubereitet wird. In den Schöpfstationen warten am Tag unseres Besuchs beispielsweise ein feines Gemüsecurry und knusprige Pouletschenkel. Die Gäste bedienen sich selbst und speisen entweder an den zwei Tischen oder auf den Sofas, die sich indessen besser fürs Plaudern, Kaffeetrinken und Lesen eignen. Die Sofas und Teppiche sowie die von Karatas selbst gemachten Lampen verleihen der Olive eine gemütliche Wohnzimmeratmosphäre; der zentrale Kinderspielbereich verstärkt den Eindruck, sich nicht in einem Laden, sondern bei jemandem zu Hause zu befinden. Das Greencity-Areal sei ihm noch zu grau, sagt Karatas. Für ihn hat das Areal noch zu wenig Seele, das möchte er brechen. Dies sei einer der Gründe gewesen, die Olive zu eröffnen. Reich werden er und sein Team damit nicht, vieles ist derzeit noch Freiwilligenarbeit. Karatas geht es indessen nicht ums Geld allein: «Mit der Olive will ich Farbe ins Quartier bringen und Greencity ein Herz geben», sagt er.

Ein Tisch im Café Olive, auf dem Blumen stehen
Mutter und Kind spielen zusammen in der Kinderecke
Eine junge Angestellte bedient an der Theke
Haydar Karatas läuft durch den Laden
«Unser Wunsch war es auch, die Kinder nach ökologischen Prinzipien zu erziehen.»
Andreas Übersax erklärt draussen vor dem Laden einem Kunden die Vorzüge eines Velos

Andreas Übersax und der Vater der Minergie

Wenige Meter entfernt von der Olive, auf der einen Seite an den Maneggplatz, auf der anderen an die Geleise grenzend, befindet sich ein Geschäft, das man erst auf den zweiten Blick sieht: eflizzer, ein Start-up, in dem E-Scooter und E-Bikes angeboten werden. Obwohl der elektrifizierte Transport ideal nach Greencity passt, hat die Wahl des Orts für Andreas Übersax nicht nur ökologische, sondern auch ökonomische Gründe. Zusammen mit seinen Partnern Marc Bühler und Renato Bastianelli hat er das Unternehmen 2015 gegründet, im November 2017 zog der Shop nach Greencity. «Am wichtigsten sind für uns der Autobahn- und Zug-Anschluss», sagt er und blickt einen etwas schelmisch an. Er weiss, dass das Auto nicht gerade zu den idealisierten Fortbewegungsmitteln der Quartierbewohner gehört. Das Marketing für die Elektro-Treter laufe übers Internet, hierher kämen die Kunden aber, um die Geräte auszuprobieren und zu testen, ob sie in ihren Campern Platz finden. Oft reisen sie von weither an. Auf Laufkundschaft seien sie nicht angewiesen, aber auf eine gute Infrastruktur. «Der Innenhof ist unsere Versuchsanlage, und wir haben sogar eine gedeckte Teststrecke», sagt er schmunzelnd und meint damit die Überdachung, die sich der ganzen Fassade des Gebäudes entlangzieht. Er findet, dass zu viel Greenwashing betrieben werde: E-Bikes zum Beispiel seien eigentlich unfreundlicher zur Umwelt als normale Velos. Für den studierten Umwelttechnologen sei die 2’000-Watt-Vorgabe aber dennoch wichtig – auch aus sehr persönlichen Gründen. Sein Vater, Heinz Übersax, hat zusammen mit Ruedi Kriesi 1994 nämlich das Konzept der Minergie-Standards ins Leben gerufen. «Mit dem Verkauf von E-Scootern und E-Bikes beeinflussen wir aber das Verkehrsverhalten über die Nachfrage am Markt», sagt er. Je attraktiver diese Fortbewegungsmittel werden, umso eher verzichten die Leute aufs Auto. Von politischem Druck halte er hingegen nichts.

Ansicht des Eingangs zum Laden eflizzer
Mehrere Velos von eflizzer stehen nebeneinander im Laden
«Mit dem Verkauf von E-Scootern und E-Bikes beeinflussen wir das Verkehrsverhalten über die Nachfrage am Markt.»

Apropos Minergie: Übersax lobt die gute Umsetzung des Minergie-Standards in Greencity. Dank des regelmässigen Luftaustausches würden sich die Gerüche der vielen Gummiteile im Shop, wo sich auch das Büro befindet, nicht unangenehm auswirken. Nicht alles ist für Übersax aber eitel Sonnenschein. So findet er, dass die Scheiben zu dunkel getönt sind, und weil bei jedem Sonnenstrahl automatisch die Sonnenstoren runterfahren, sei das Geschäft für Kunden oft nur schwer zu finden. Deshalb hätten sie neben den Bahngeleisen nun Fahnen aufgestellt. Früher sei es während des Winters zudem zu kühl gewesen, dies aber hätte sich verbessert. Auch freut sich Übersax, dass das Areal immer lebendiger wird. «Greencity ist ein familiärer Ort», sagt er. «Wir fühlen uns hier sehr wohl und für uns stimmt das Gesamtpaket.»

Blick in die Werkstatt von eflizzer
Ein Mechaniker baut ein Velo von eflizzer zusammen
Manu Heim beim Teetrinken am Esstisch in ihrer Wohnung

Manu Heim: Engagement für die Gemeinschaft

«Wir wollten bewusst in eine Neubau-Siedlung ziehen», sagt Manu Heim und zieht am Röhrchen der Limonade. Wir befinden uns in der Bäckerei Wüst direkt am Spinnereiplatz – dem Herzstück der brandneuen 2000-Watt-Überbauung Greencity in der Manegg. Ein Ort, an dem Manu Heim besonders dann anzutreffen ist, wenn sie ungestört arbeiten will oder mit anderen Bewohnern und Bewohnerinnen etwas zu besprechen hat. Als Genossenschafter gehörten Manu Heim, ihr Mann und ihr gemeinsames Kind zu den ersten, die im September 2017 nach Greencity kamen – sie bezogen eine Wohnung der Genossenschaft GBMZ. 85 Genossenschaftswohnungen bietet das U-förmige Gebäude, weitere 20 gehören der Stiftung Wohnungen für kinderreiche Familien. Heim ist sich das genossenschaftliche Leben gewohnt: Sie wuchs in einer Genossenschaft auf, und mit ihrer eigenen Familie lebte sie vor dem Bezug der Wohnung in Greencity bereits in einem genossenschaftlichen Altbau. «Ich bin ein Genossenschaftskind», sagt sie schmunzelnd. 

Blick in das Wohnzimmer. Auf dem Sofa befinden sich bunte Kissen und Stofftiere.

Ihre fünfjährige Tochter sei der wichtigste Grund dafür gewesen, in eine Siedlung wie Greencity zu ziehen, sagt sie. «Sie ist ein Einzelkind, und uns war es wichtig, dass sie zusammen mit anderen Kindern aufwächst.» Die 47-jährige Mutter schätzt, dass aktuell über 200 Kinder auf dem Areal leben. Eine moderne und genügend grosse Wohnung, ökologische Gedanken und ein eigener Parkplatz fürs Auto («welches wir selten benutzen») waren weitere wichtige Gründe für die Wahl von Greencity als Wohnort. «Wir möchten möglichst umweltbewusst leben», sagt sie und weist stolz darauf hin, dass die Wohnungen dem strengen Minergie-P-Eco-Standard entsprechen. Einschränkungen wegen der 2’000-Watt-Vorgabe hätten sie nicht, einzig im ersten Winter sei es in einigen Wohnungen noch ein bisschen zu kalt gewesen, in ihrer aber nicht. «Eine Frage der Haustechnik», sagt sie lakonisch und findet, statt Jammern solle man nach Lösungen suchen. Einen Abstrich mussten Manu Heim und ihre Familie allerdings machen: «Am liebsten hätte ich mitten in der Stadt, zum Beispiel am Limmatplatz, gewohnt», sagt sie. Die Verkehrsverbindungen von Greencity in Zürichs Zentrum seien aber gut, denn der Bahnhof Manegg liegt mitten im Areal. «Und wir wohnen hier quasi am Dorfplatz», sagt sie lächelnd.

Mitten ins Greencity-Leben hat sie sich auch mit ihrem Engagement fürs Quartier gestürzt: Noch bis August an der ZHAW und danach bei der Stiftung Zugang für alle tätig, setzt sie sich für das Gemeinschaftsgefühl in der Siedlung ein. Sie organisiert zusammen mit anderen regelmässig Events – zuletzt das Tauschfest. Heim zückt ihr Handy und zeigt Bilder vom Anlass. Darauf zu sehen: Tische voller Waren, die die Bewohnerinnen und Bewohner nicht mehr brauchen und nun andere Besitzer suchen – Shared Economy auf die herkömmliche Art. «Über zweihundert Besucher kamen», sagt sie stolz. Für die Waren, die keine neuen Besitzer fanden, ist sie nun in Kontakt mit der Caritas

Nahaufnahme von Küchenutensilien und Gewürzen oberhalb des Spülbeckens
«Der Zusammenhalt ist mir wichtig, wir unterstützen uns gegenseitig.»
Pinnwand mit Fotos, Gutscheinen und weiterem Krimskrams

Sie benutze aber auch die Greencity-App, auf der sie ihre Fritteuse und die Pastamaschine zum Ausleihen anbietet. «Beide brauchen wir ja nur selten.» Die App, die allen Bewohnern des Areals zur Verfügung steht, enthält sowohl einen Marktplatz wie eine Pinnwand, auf der Anlässe ausgeschrieben werden und sich die Nutzer wie auf Facebook austauschen können. Heim ist mit der App indessen nicht restlos zufrieden: «Ich vermisse es, Interessensgruppen bilden zu können.» Diese sind ihr wichtig: Sie suche aktiv den Kontakt zu den anderen Genossenschaften, der Wogeno und der Genossenschaft Hofgarten und ihren Bewohnerinnen und Bewohnern. «Ich wünsche mir eine aktive Nachbarschaft», sagt die energiegeladene Frau, die auch in der Siedlungskommission ihrer eigenen Wohngenossenschaft GBMZ sowie einem übergeordneten Komitee aktiv ist. Heim: «Der Zusammenhalt ist mir wichtig, wir unterstützen uns gegenseitig.» So haben sich beispielsweise mehrere Familien zusammengeschlossen, von denen jeweils ein Mitglied die Kinder in den Kindergarten bringt.

Minergie-P-Eco

Minergie ist ein Baustandard, der durch eine hochwertige Gebäudehülle und systematische Lufterneuerung den Energieverbrauch möglichst tief hält. Die drei Standards Minergie, Minergie-P und Minergie-A stellen sicher, dass bereits bei der Planung die Qualität gewährleistet ist. Minergie-A-Gebäude produzieren mehr Energie, als sie verbrauchen. Der in Greencity geltende Minergie-P-ECO-Standard bezeichnet Niedrigstenergie-Bauten, die sich durch hohen Komfort auszeichnen. Mit dem Zusatz ECO wird sichergestellt, dass mit Fokus auf die Gesundheit und nachhaltig gebaut wird. 

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