Greencity: Zukunftslabor statt Papierfabrik

Greencity ist die erste zertifizierte 2000-Watt-Siedlung der Schweiz. Auf der ehemaligen Industriebrache der Sihlpapier ist ein wegweisendes Projekt entstanden, das aufzeigt, wohin der nachhaltige Städtebau in Zukunft führt. Eine Begehung vor Ort mit dem Gesamtprojektleiter Alain Capt.

Mit ausladenden Schritten führt Alain Capt aus den Büros von Losinger Marazzi hinaus in die warme Frühlingsonne und auf den blitzblanken Maneggplatz, der immer noch seltsam neu und ein wenig unbenutzt wirkt. Capt blinzelt in die Sonne, zeigt auf ausgesteckte Bauprofile und sagt: «Hier entsteht der letzte Teil von Greencity – die Schule.» Mit dem Bau werde 2020 begonnen, eröffnet werde die Schule 2023. Bis dahin müssen die Kinder in die Provisorien von Leimbach ausweichen. «Der Pausenplatz wird auf dem Dach sein.» Dies ist nur eine der Besonderheiten der Überbauung, deren erste Gebäude im Juni 2017 bezogen wurden. 

Als Direktor Ausführung bei Losinger Marazzi und Gesamtprojektleiter von Greencity ist Capt ein vielbeschäftigter Mann. Er war mitverantwortlich für den Bau des Prime Towers sowie von City West, sein Engagement steckt bereits in den nächsten Grossprojekten. Trotzdem hat er sich die Zeit genommen, um persönlich durch das Greencity-Quartier zu führen, das als erste Überbauung die Vorgaben der 2000-Watt-Gesellschaft erfüllt. Das Areal scheint ihm aber nicht nur als Ausführungsleiter am Herzen zu liegen, sondern auch weil einst sein Schulweg hindurchführte. «Ich hätte mir nie vorstellen können, dass man hier einst wohnen kann», sagt er, während ein leises Lächeln seinen Mund umspielt. Die Gegend hier galt bis vor nicht allzu langer Zeit als Niemandsland.

Der Direktor Ausführung Alain Capt und Journalist Jan Graber auf einem Platz in Greencity
Blick vom Dach runter auf einen Platz
Wohngebäude durch die Bäume des angrenzenden Waldes fotografiert
Kinder spielen auf einem Klettergerüst

Das atmende Raumschiff

Rückblende. Nacht, Mitte der Neunzigerjahre. Fahrt mit dem Auto von Chur herkommend Richtung Zürich. Auf der Höhe der Manegg fällt der Blick nach links, auf etwas, das wie ein soeben gelandetes Raumschiff aussieht. Es ist die alte Sihlpapier. Aus allen Löchern entweicht Dampf, von Scheinwerfern dramatisch erleuchtet verleiht er dem Industriekomplex ein unheimliches Aussehen. Die Sihlpapier wirkt wie ein riesiges, atmendes, ausserirdisches Wesen – mächtig und auch ein wenig einschüchternd. Es sind die letzten Atemzüge der Papierfabrik, die bald Konkurs gehen wird. Eine Zeit lang dient das Areal danach Zwischennutzungen mit Partys, Künstler finden ein temporäres Zuhause. 

Mit weiten Schritten strebt Capt dem Herzstück des Areals zu: der alten Spinnerei. Auf dem Maneggplatz, der sich wie eine Ader durch die Siedlung zieht, tollt eine Gruppe Kinder, während ihre miteinander plaudernden Mütter sie aus den Augenwinkeln beobachten. Auf beiden Seiten der kleinen Allee stehen mit Erde gefüllte SBB-Rahmen, in denen Pflanzen wachsen; die Kisten sind mit den Namen von Bewohnern – den jeweiligen Gärtnern – und der Bezeichnung «Bitte nicht pflücken» angeschrieben. Einigen Einwohnern sei der Bereich zwischen den Häusern zu grau gewesen, sagt Capt, der kritischen Fragen zwar offen, aber auch mit einer gewissen Zurückhaltung begegnet. 

Capt weist auf die typischen Merkmale der Architektur hin: «unten Beton, ab dem ersten Geschoss Eternit, im Erdgeschoss die Ladengeschäfte, oberhalb die Wohnungen». Für jedes der 13 Gebäude wurden andere Architekten gewählt. Die Stadt Zürich und Losinger Marazzi als Totalunternehmerin, die für Planung, Ausführung, Finanzen und den Bau verantwortlich ist, wollten bewusst ein vielfältiges Bild schaffen. «Sofern dies bei der aktuellen modernen Architektur überhaupt möglich ist», fügt Capt schmunzelnd an.

Detailansicht eines Wohngebäudes
Zwei kleine Mädchen spielen auf dem Platz
Mit Erde gefüllte SBB-Rahmen, in denen Pflanzen wachsen
Platz mit vielen jungen gepflanzten Bäumen

Als Energie noch kein Thema war

Drei Genossenschaften sind neben der Stiftung Wohnungen für kinderreiche Familien und wirtschaftlichen Unternehmen am Areal beteiligt. Rund ein Drittel der Wohnungen gehören den Genossenschaften, ein Drittel sind normale Mietwohnungen und beim restlichen Drittel handelt es sich um Eigentumswohnungen. Die Wohnungen werden rund die Hälfte des bald fertiggestellten Areals in Anspruch nehmen, die andere Hälfte besteht aus Büros, Geschäften, dem Hotel und der Schule; alle Gebäude erfüllen den strengen Minergie-P-Eco-Standard. Noch ist Greencity aber nicht fertig gebaut: Am südlichen Ende wird gerade das letzte Wohnhaus mit Eigentums- und Mietwohnungen fertiggestellt, am nördlichen Ende entsteht ein Hotel. «Wir ersetzen zudem das Bahnperron für die geplanten längeren Züge der SZU», sagt Capt. Einst sollen hier alle siebeneinhalb Minuten Züge ins Zentrum der Stadt fahren. Heute müssen die Anwohner bisweilen bis zwanzig Minuten warten. Auch werde noch ein Gastronomiebetrieb gesucht und ein grosses Ladenlokal stehe ebenfalls noch leer.Dann stehen wir vor der alten Spinnerei: ein stolzes Haus und das grösste Industriegebäude der Stadt Zürich aus dem 19. Jahrhundert. Mit seinem Giebeldach hebt sich das 1857 erbaute Haus auffällig von den modernen Gebäuden ab. Die unter Denkmalschutz stehende Fassade blieb komplett erhalten, im Inneren sind teure, im Minergie-Standard für renovierte Objekte ausgebaute Lofts entstanden. «Sogar die Fenster haben wir wie einst als Doppelfenster nachgebaut», sagt Capt. Die alte Spinnerei ist Zeugin einer Zeit, als Energiesparen noch kein Thema war. 

Aussenansicht der alten Spinnerei

Zwölf Jahre dauerte die Planung von Greencity, bevor die erste Schaufel in den Boden gestossen wurde. Stadtplaner, Landschaftsplaner, das Amt für Städtebau, das Elektrizitätswerk ewz und Losinger Marazzi planten mit. Es ist eine Art der Städteentwicklung, die auch an anderen Orten Schule macht. «Die Industrien ziehen aus den Städten weg und hinterlassen Brachen, die für das Wachstum der Städte frei werden», sagt Capt. 2014 begann der Rückbau der Sihlpapier. Die alten Gebäude wurden vollkommen rezykliert und zu 11’500 Kubikmeter Recycling-Granulat zertrümmert, um diese wieder zu Beton zu mischen. Dazu wurde vor Ort eigens eine Betonzentrale errichtet, die das Granulat verarbeitete; der Recycling-Beton wurde zum Bau von Greencity verwendet. Laut Capt entstehen 40 Prozent des CO2 im Bau. Was uns zum Namen Greencity und dem ökologischen Vorzeigecharakter des Areals führt – und zu dem, was nicht verwirklicht werden konnte.


Eckdaten

Planungsbeginn: 2003, Baubeginn: 2015
Erstbezug: Juni 2017.

Gelände: 8 Hektaren.

13 Gebäude, 731 Wohnungen, 2200 Einwohner.

Gesamtnutzfläche: 163’000 m2
Wohnungen: 85’400 m2 (52% Gesamtnutzfläche)
Büros: 55’000 m2 (34% GNF)
Hotel: 10’000 m2, Shops: 6600 m2, Schule: 6000 m2

Erstes zertifiziertes 2000-Watt-Areal der Schweiz.

Neubauten nach Minergie-P-Eco-Standard. 
Alte Spinnerei: Minergie-Zertifikat für renovierte Gebäude.

Das stillgelegte Kraftwerk

Wir sind auf der Rückseite der Spinnerei angekommen, nahe einem Waldstück, das zum Areal gehört, zur Autobahn hoch- und dem Entlisberg entlangführt. Wo wir stehen, befindet sich ein kleiner Wasserkanal. Er speiste früher ein kleines Wasserkraftwerk: Um es anzutreiben, mussten der Sihl sechs Kubikmeter Wasser pro Sekunde entzogen werden. Eigentlich hätte das Kraftwerk auch für Greencity Strom liefern sollen, doch 2017 lief die Konzession aus und konnte wegen eines neuen Naturgesetzes nicht erneuert werden – sechs Kubik Wasser zu entnehmen, war zu viel im Hinblick auf den Schutz der Fische in der Sihl. Seitdem steht das Kraftwerk still. «Schade», findet Capt. 

Obwohl hier nun nicht wie geplant zusätzlicher Strom aus Wasser erzeugt wird, ist in Greencity alles auf nachhaltige Energie ausgelegt. Auf den Dächern stehen Solarpanels, und ewz liefert ausschliesslich Strom aus erneuerbaren Quellen; Greencity ist das erste zertifizierte 2’000-Watt-Areal der Schweiz. Ausser für die Stromzufuhr ist ewz auch für die Wärme- und Kälteversorgung zuständig. Es hat dazu einen geschlossenen Kreislauf mit Erdsonden realisiert: Im Winter wird der Erde die Wärme fürs Heizen entzogen und im Sommer als Überwärme besonders von den Bürogebäuden zurückgeführt. Daneben stehen Ladestationen für Elektroautos zur Verfügung, nicht alle Verwaltungen nutzen indessen das Angebot.

Zurück von der Garage auf die Dächer, die übrigens auch dem Gemeinschaftsleben und als Lebensraum für Insekten und Vögel dienen: Der Solarstrom der Photovoltaik-Anlagen fliesst aus gesetzlichen Gründen nicht direkt ins Netz von Greencity, sondern wird ins allgemeine Netz eingespeist. Die Eigentümer können sich aber an den Anlagen beteiligen und so von der Produktion des Solarstroms profitieren. Und auch das Netz soll smarter werden: Dank neuartiger Sensoren wird eine bessere Steuerung möglich, die über das Glasfasernetz funktioniert und Daten in die ewz-Leitstelle nach Zürich Oerlikon schickt. Dadurch wird ein besseres Monitoring des Stromflusses möglich und bei einem Stromausfall sollen Störungen schneller entdeckt und behoben werden können. Nach erfolgreichen Tests in Greencity soll die Technologie in weiteren Quartieren angewendet werden.

Blick auf einen begrünten Balkon
Jogger auf dem Areal unterhalb der Autobahn
Wasserkanal mit Bäumen an den Ufern

Erste Schritte zur Smart City

Wir sind mittlerweile zurück in den Büros, die Losinger Marazzi auf dem Areal bezogen hat. Capt holt eine grosse Tafel hervor, auf der zu sehen ist, wie die Energie fliesst. Eine Energiestation unter dem zentralsten Gebäude des Areals sorgt für die Verteilung und stellt den Bedarf sicher. Dieser darf 2’000 Watt pro Person nicht überschreiten. «Stellen Sie sich vor, dass man 33 60-Watt-Glühbirnen ein Jahr lang brennen lässt», erklärt Capt den etwas nebulösen Begriff. Zu Einschränkungen der Lebensqualität führe die 2’000-Watt-Grenze nicht. Berechnet wird nicht der Verbrauch der einzelnen Bewohner, sondern der Durchschnitt über alle Parteien hinweg. Für Greencity ist dazu eigens ein Energiemonitoring-System entwickelt worden. Capt kann jedoch noch nicht belegen, dass die Vorgaben eingehalten werden: «Erste verbindliche Zahlen erhalten wir 2020.»

«Der Shared Economy gehört die Zukunft.»

Daraufhin zückt er sein Smartphone und öffnet die eigens entwickelte Greencity-App. Auch auf dieser soll der Energieverbrauch dereinst ersichtlich sein. Aktuell liefert die App den Bewohnern vor allem Quartier-Infos. Finden lassen sich darauf beispielsweise die Betriebsanleitung für die verbauten Geräte, auf der Pinnwand stehen aktuelle Angebote und Aufrufe, beispielsweise Infos darüber, was das Ladencafé Olive als Mittagessen anbietet und welche gemeinsamen Veranstaltungen geplant sind. Beliebt ist auch der Marktplatz, auf dem die Nutzer zum Beispiel Bohrer, Tucker und andere Geräte zum Verleih oder ihren Parkplatz zur Miete anbieten. Die App sei Teil einer weiteren wichtigen Entwicklung in Städten wie Zürich: der Smart City. Eine Smart City sorge für eine kluge Verwendung von Ressourcen und die sinnvolle Steuerung der Mobilität. In Greencity wurde dazu ein Anfang gemacht. «Der Shared Economy gehört die Zukunft», sagt Capt, packt sein Handy weg, lächelt und entlässt uns in die Sonne.

Alain Capt

Alain Capt ist diplomierter Bauingenieur ETHZ/SIA und seit 22 Jahren bei Losinger Marazzi. Als Direktor Ausführung ist er zuständig für die Realisierung von Grossprojekten. Er war mitverantwortlich für den Bau des Prime Towers und von City West sowie des neuen Hauptsitzes der Post in Bern. 2015 übernahm er die Gesamtleitung von Greencity. Aktuell entstehen unter seiner Leitung das Projekt Wankdorf City II und die Umnutzung der Schönburg (ehemaliger Posthauptsitz) in Bern zu Wohnungen, Hotel und Gewerbe.

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Kommentare (1)

Miriam sagt:

Wann zügelt ihr ?

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