Mein Haus, mein Auto, meine Steckdose: wie das 2000-Watt-Ziel unseren Alltag verändert

Zürich hat die 2000-Watt-Gesellschaft in seiner Gemeindeordnung verankert und Vergleich zum Rest der Schweiz ist der Stromverbrauch der Stadt tiefer. Aber leben wir mit einem Ziel von 2000 Watt sparsam genug? Klar ist: Nur politisches Engagement wie die jüngsten Klimademos und eigenes Handeln bringt uns dem Ziel näher.

Tina Billeter Weymann ist Projektleiterin Fachbereich 2000-Watt-Gesellschaft, Stadt Zürich, Umwelt- & Gesundheitsschutz.

Frau Billeter, was halten Sie von den Schüler-Klimademos?

Die Klimademos faszinieren mich, da erstmals so viele junge Menschen mobilisiert werden konnten – friedlich und weltweit, für ein gemeinsames Ziel: ihre Zukunft. Sie fordern mit neuen Worten die 2000-Watt-Gesellschaft. Und zwar nicht für ihre Kindeskinder, sondern jetzt für sich und uns.

Was denken Sie zum Vorstoss, der das 2000-Watt-Ziel verschärfen will (Zürich CO2-frei bis 2030, etc.)? Ist das übertrieben oder notwendiger Ehrgeiz?

Der Klimaschutz gilt als grösste Herausforderung der Gegenwart, ist aber auch eine Chance für Innovationen. Die Diskussion um die Verschärfung der 2000-Watt-Ziele ist gerechtfertigt. Wir müssen uns kritisch mit der Zukunft auseinandersetzen. Zürich ist in den Startlöchern zur Transformation.

Was tragen Sie als Individuum zur 2000-Watt-Gesellschaft bei?

Jede und jeder kann enorm viel beitragen. Persönlich gebe ich meinem Sohn auf den Weg, lokale und saisonale Lebensmittel zu kaufen. Mehr Spazieren und Velofahren. Teilen statt besitzen, reparieren statt wegwerfen. Mit Winterkleidung und klimafreundlichen Systemen Heizenergie sparen. AAA+ Elektronikgeräte wählen und lange nutzen. Und sich politisch engagieren und 2000-Watt-Anliegen befürworten.

Was ist überhaupt ein Watt und wie soll ich mir 2000 Watt vorstellen?

Der Erfinder James Watt berechnete, dass eine Maschine mit einer Leistung von etwa 750 Watt ein Arbeitspferd ersetzt. In der 2000-Watt-Gesellschaft wird zusätzlich berücksichtigt, welche Primärenergie es braucht, um nutzbare Energie zu erzeugen und zu transportieren. Also auch die Fütterung und Haltung des Pferdes. Theoretisch würden mir also in der 2000-Watt-Gesellschaft etwa zwei Pferde zur Verfügung stehen, die dauernd im Einsatz sind. Ein einziges Watt benötigt die neueste Generation von kleinen LED-Lampen, welche wir beispielsweise im Kühlschrank finden.

«Es ist die Vision einer gerechten Zukunft, in der die Ressourcen für alle reichen und weltweit ein Leben von hoher Lebensqualität möglich ist.»

Woher kommt das Modell der 2000-Watt-Gesellschaft und was ist seine Vision?

In den 80er-Jahren stellte der Umweltminister Brasiliens während des Klimagipfels fest, dass das Wohlbefinden der Menschen bis zum Energieverbrauch von 1000 Watt ansteigt, danach aber deutlich abflacht. Daraus entwickelte sich in den 90er Jahren die ETH-Nachhaltigkeitsstrategie, die 2000 Watt Primärenergie-Dauerleistung (17520 kWh pro Jahr) als einen nachhaltigen Energiebedarf bei hoher Lebensqualität definiert. Es ist die Vision einer gerechten Zukunft, in der die Ressourcen für alle reichen und weltweit ein Leben von hoher Lebensqualität möglich ist. Und in der wir dem Klimawandel Einhalt bieten.

Fand diese Vision bei der Bevölkerung anklang?

In Zürich schon. Seit 2008 ist die 2000-Watt-Gesellschaft in der Gemeindeordnung der Stadt verankert. 76 Prozent der Stimmbürgerinnen und -bürger stimmten damals JA. Nicht nur dazu, den Energiekonsum pro Person auf 2000 Watt zu senken. Sondern auch Ja zu erneuerbaren Energien, um den Ausstoss der Treibhausgase bis 2050 auf eine Tonne pro Person und Jahr zu reduzieren. 

Reicht das?

Neueste Forschungen weisen darauf hin, dass dieses Ziel zu wenig ambitiös ist, um dem Klimawandel Einhalt zu gebieten.

Nur noch 2000 Watt Energieverbrauch pro Person – wie erreichen wir dieses Ziel?

In der «Roadmap 2000-Watt-Gesellschaft» legt die Stadt Zürich die Zielgerade: Konsum, Siedlung, Gebäude, Energieversorgung und Mobilität. Grosses Potenzial liegt bei der Wärmeversorgung. Fossil betriebene Heizungen müssen ersetzt werden, entweder durch dezentrale Systeme mit erneuerbaren Energien oder Wärmeverbunde. Der Energieverbrauch von Gebäuden muss reduziert werden, indem energieeffizient gebaut wird. Beim motorisierten Individualverkehr und beim Flugverkehr müssen die CO2-Emissionen gesenkt werden. Auch der Umstieg auf eine nachhaltige Ernährung –  nachhaltige Güter generell – trägt zur Senkung der Energie für Rohstoffgewinnung, Herstellung, Transport, (gekühlte) Lagerung, Verkauf und am Ende für die Entsorgung benötigt wird. 

«Ohne Beiträge von Einzelnen ist die 2000-Watt-Gesellschaft nicht erreichbar.»

Gibt es bereits vorzeigbare Erfolge, die das Ziel der 2000-Watt-Gesellschaft realistisch erscheinen lassen?

Mit der steigenden Bevölkerung wird die Siedlungsfläche qualitätsvoll verdichtet und eine Stadt der kurzen Wege angepeilt. Die ersten sieben zertifizierten 2000-Watt-Areale sind entstanden, etwa Greencity auf dem Manegg-Areal oder das Freilager mit 1000 Wohnungen. Sie bringen energieeffiziente Gebäude und ein zukunftstaugliches Mobilitätsangebot wie E-Bikes und Autos im Ausleihsystem. Auch innovatives Heizen: Das Freilager speichert im Sommer die Abwärme des nahen Rechenzentrums in einem Erdsondenfeld. Im Winter nutzt es diese Wärme zum Heizen und für warmes Wasser.

«Die 2000-Watt-Gesellschaft und ihre Infrastruktur werden zunehmend sichtbar!»

Und jenseits dieser neuen Areale?

Bei den 9200 städtischen Wohnungen werden Belegungsvorschriften durchgesetzt. Das heisst, dass in einer Wohnung nicht zu wenig Menschen wohnen dürfen. ewz bietet privat nur noch Strom aus erneuerbaren Energiequellen an und fördert mit innovativen Produkten wie ewz.solarzüri lokale Solarenergie. Basierend auf dem Programm «Stadtverkehr 2025» werden der öffentliche Verkehr sowie das Velonetz ausgebaut. Die 2000-Watt-Gesellschaft und ihre Infrastruktur werden zunehmend sichtbar.

Heute steht die Schweiz bei etwas unter 5000 Watt pro Person, die Stadt Zürich konnte ihren Verbrauch bereits auf 3500 Watt pro Person senken. Macht die Stadt Zürich etwas besser als der Rest der Schweiz?

Die Stadt Zürich ist ihrer Bevölkerung verpflichtet und verfolgt bereits seit zehn Jahren hartnäckig ihr Ziel. Und das kann sie, weil: Ihr gehören das Elektrizitätswerk (ewz), die Fernwärmeversorgung und die Verkehrsbetriebe (VBZ) der Stadt sowie ein Grossteil des Aktienkapitals der Gasversorgung (Energie 360°). Sie besitzt Immobilien wie Schulen, Altersheime, Pflegezentren, zwei Spitäler sowie Tausende von Wohnungen. Urbane Trends helfen mit. Teilen statt besitzen, reduzieren von Boden- und Wohnfläche pro Person, Stadt der kurzen Wege mit Kunst & Kultur vor der Haustür.

Schon im Mai hat die Stadt ihr «2000-Watt-Budget»aufgebraucht. Was sind beispielhafte Projekte, mit denen die Stadt Zürich auf die 2000-Watt-Gesellschaft hinarbeitet?

Die Stromqualität wurde verbessert. Der Ausbau des öffentlichen Verkehrs mit Lösungen für einen ökologischeren Modalsplit (sinnvolle Kombination von Fuss-, Velo-, Tram-, Bus-, Bahn- und Autoverkehr) wird vorangetrieben. Es gelten strenge Vorgaben beim Bauen und Erneuern von stadteigenen Immobilien.

«Wie ist der zunehmenden Mobilität in einer Wohlstandsgesellschaft Einhalt zu gebieten?»

Wo liegt heute das grösste Reduktionspotential für den Energieverbrauch?

Der Ersatz von fossiler und nuklearer Energie durch erneuerbare Energien für die Wärmeversorgung – also Ersatz der 24’000 Öl- und Gasheizungen – und im Stromnetz. 

Wo sehen Sie die grössten Hindernisse für das Erreichen des 2000-Watt-Ziels?

Zielkonflikte. Wie geht nachhaltiger Konsum in einer Wachstumsgesellschaft? Wie ist der zunehmenden Mobilität in einer Wohlstandsgesellschaft Einhalt zu gebieten? Wie kann der Flugverkehr reduziert und klimafreundlicher gestaltet werden? Wie gehen Gebäudeerneuerungen mit günstigem Wohnraum zusammen? 

Was macht Ihnen Hoffnung?

Ich sehe einen Silberstreifen am Horizont. Aufgrund der Klimastreiks forderte der Gemeinderat im Frühling 2019 eine stringente Klimapolitik. Ziel: «Netto null CO2 bis 2030».

Mehr zum Thema? Lesen Sie auch den Artikel von unseren Kollegen bei Tsüri.ch.

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