Illustration von Personen, die auf Batterien sitzen und mit dem Handy telefonieren

Wenn der Akku leer ist: Battery-Sharing rettet dein Date

Tram verpasst und keine Chance, deiner Liebsten die Verspätung mitzuteilen? Dann sofort ab zum nächsten Kiosk und eine Powerbank ausleihen. Mit rund 50’000 Stück davon und den passenden Ladekabeln gibt dir Chimpy eine neue Chance. Und das noch mit gutem Gewissen. Geladen werden die Dinger ausnahmslos mit Solarstrom.
SOLARENERGIE VON REMO BORETTI, 09.06.2019

Für fast alle von uns ist das Smartphone aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Ab und an passiert’s dann. Meistens im unpassendsten Moment. Eigentlich passt der Moment ja nie. Der Akku des treuen Freundes ist leer. Scheinbar abgeschnitten von der Umwelt macht dem ersten Frust bald die Erkenntnis Platz, dass man es schlicht versäumt hat, den gerade nicht so treuen Begleiter vor dem Weg zur Arbeit, in den Ausgang oder ins Fitnesscenter noch einmal richtig aufzuladen. Für genau diese Situationen weiss die Chimpy AG eine Lösung.

Das Start-up aus Zürich Altstetten verleiht an rund 1200 Standorten in der Schweiz Zusatzakkus für Smartphones. Aufgeladen werden sie mit reinem Solarstrom von ewz. Die Idee trifft den Geist der Zeit. Schmunzelnd meint Andreas Brändle, einer der Gründer des Unternehmens, dazu: «Immer wieder bekommen wir Rückmeldungen von Kunden, dass wir ihnen mit unseren Powerbanks quasi das Leben gerettet haben.» 

Vom Wegwerfprinzip zum «Battery-Sharing»

In der Schweiz wurden 2016 rund 4000 Tonnen Batterien verkauft. Gesammelt und rezykliert wurden im gleichen Zeitraum knapp 3000 Tonnen. Die Verkaufs- und Rücklaufquoten von Batterien und Akkus in der Schweiz sind in den vergangenen Jahren recht konstant und zeigen eines auf: Nach wie vor werden sie heute oft als Produkte zur einmaligen Nutzung angesehen. 

Das ist schade, ökologisch unsinnig und muss auch nicht sein. Dieser Meinung waren Andreas Brändle, Mirko Hoffmann, Simon Schwarzenbach und Can Olcer, als sie vor einigen Jahren eines Abends bei einem Bier zusammensassen. Daraus entwickelte sich eine Geschäftsidee. «Batterien sind etwas Wertvolles, und es macht Sinn, dass sie auch optimal ausgelastet und möglichst oft wieder aufgeladen werden. Unser Gedanke damals war es, sie den Leuten dann zur Verfügung zu stellen, wenn sie gerade gebraucht werden. Und wenn nicht, dass dann jemand anders Zugang zu ihnen hat», erinnert sich Brändle. Damit war die Idee des «Battery-Sharing» geboren. 

Dass dieses Angebot auf ein echtes Bedürfnis traf, stellte sich schon bald heraus. «Gerade grössere Unternehmen unterhalten oft Nachhaltigkeitsprogramme und Teams, die sich für ein umweltgerechtes Handeln im Unternehmen einsetzen. Mit unserem Angebot konnten wir ihnen einen messbaren Erfolg bieten.» Kunden wie die Swiss Re oder der Taschenhersteller Freitag machten in der Folge davon Gebrauch. Auch von dritter Seite wurde das Konzept für gut befunden, was dem Start-up in der Folge eine Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Klimastiftung und 2014 den dritten Platz des Klimapreises der Zürich Versicherung einbrachte. 

Powerbanks rücken in den Fokus

Mit der Zeit entstand die Idee, das Geschäftsmodell zu verändern und auf den spezifischen Bereich der Mobiltelefonie abzustimmen. Für die weitere Entwicklung der Chimpy AG war dieser Ansatz richtungsweisend. Fortan spezialisierte man sich auf das Verleihen von Powerbanks für Smartphones. Einfach waren dabei die ersten Schritte nicht. «Viel Überzeugungsarbeit und Durchhaltewillen waren notwendig. Für viele, gerade jüngere Leute ist das Prinzip des Ausleihens heute gar nicht mehr gängig und musste neu entdeckt werden.» Und gerade hier, bei der jungen, urbanen Generation, liegt heute denn auch das Hauptzielpublikum des Unternehmens.

Durch eine Vereinbarung mit der Kioskbetreiberin Valora im März 2015 konnte ein erster, entscheidender Schritt getan werden. Weitere sollten schon bald folgen. Seit Dezember 2016 sind die Powerbanks mit dem Schimpansen schweizweit in allen Filialen der K-Kioske, von Avec und von Press and Books erhältlich. In Zusammenarbeit mit Selecta sind sie seit Mai dieses Jahrs im Raum Zürich in über 60 Automaten erhältlich. Darüber hinaus trifft man die Schimpansen auch immer wieder an Festivals und Open Airs an. 

«Die Vielfalt an Orten und Kanälen, wo unsere Powerbanks bezogen werden können, ist sehr wichtig. Dadurch wird für die Benutzer garantiert, dass sie auch immer dann einen Ersatzakku beziehen können, wenn sie gerade einen brauchen.» Chimpy ist heute mittlerweile eine Marke, die man in der Schweiz kennt, und das Geschäft läuft ganz gut. «Heute können wir sagen, dass unsere Powerbanks das erste Ausleihprodukt sind, das im Schweizer Retail-Business wirtschaftlich erfolgreich ist», so Brändle. 

Einen Schritt weitergehen

Bei der Chimpy AG hat man momentan aber noch weit Grösseres vor. Die Idee des Battery-Sharing im Bereich der Mobiltelefonie ist in Europa einzigartig. Warum sie also nicht auch in andere Länder tragen? «Hier liegt aktuell unser Fokus. Was bei uns funktionieren kann, kann es vielleicht auch an einem anderen Ort.» So sind die Chimpys seit April auch an 50 Standorten in Hamburg erhältlich. Für den kommenden Juni ist der Start in Berlin und für den Herbst derjenige in Paris geplant. Bis Ende des Jahres möchten wir in sechs europäischen Ländern präsent sein», so Brändle. 

Wie funktioniert’s?

Rund 50’000 «Chimpys» sind momentan in der Schweiz im Umlauf. Zwischen 500- und 1000-mal können die Lithium-Ionen-Akkus ohne Leistungsverlust wieder aufgeladen werden. Ihre Handhabung ist denkbar einfach. In allen Filialen der oben genannten Firmen kann gegen eine Gebühr von CHF 4 und ein Depot von CHF 15 eine Powerbank und das passende Ladekabel fürs Smartphone ausgeliehen und retourniert werden. Die mit 5000 Milliamperestunden aus Solarstrom geladenen Akkus reichen mehr als genug, um dem Smartphone neues Leben einzuhauchen. Und wer den «Chimpy» behalten möchte, lässt einfach das Depot verfallen und lädt ihn zu Hause für den Ernstfall selbst wieder auf. Dann freilich muss man auch daran denken. Andreas Brändle vergisst es oft und leiht sich seine Batterie aus. Ist einfacher. 

Geschlossene Batteriekreisläufe und erneuerbare Energie

Die Chimpy AG hat heute 30 Mitarbeiter. «Unsere ursprüngliche Geschäftsidee war es, wiederaufladbare, handelsübliche Batterien möglichst gleich attraktiv und praktisch wie Wegwerfbatterien zu machen», so Brändle. Anreize in Form von zusätzlichen Dienstleistungen mussten dafür geschaffen werden. «Von Anfang an schwebte uns der Gedanke eines geschlossenen Batteriekreislaufes vor.» So entstand das Konzept, mit Solarstrom aufgeladene Batterien per Velokurier den jeweiligen Unternehmen zu liefern und diese auch wieder abzuholen. 

Den nach dem Label «naturemade star» zertifizierten Strom bezieht das Unternehmen von ewz. «Die Nutzung von Strom aus einer erneuerbaren Quelle zur Ladung von Batterien passt von der Idee her sehr gut zu unserem Geschäftsmodell und war von Anfang an ein wichtiger Bestandteil davon. Mit unserem relativ einfachen Produkt können wir damit die Wahrnehmung dieser erneuerbaren Energiequelle in der Öffentlichkeit fördern.»

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