Bei einem Stromausfall läuft nichts mehr bei den Betroffenen. Höchstens noch das Mobile, sofern der Akku noch geladen ist und die Mobile-Antenne Strom hat. Währenddem die Betroffenen somit zum Nichtstun gezwungen sind, arbeitet die Leitstelle von ewz mit Hochdruck an der Lösung des Problems. Doch wie läuft so eine Störungsbehebung ab und warum dauert es manchmal lange, bis der Strom wieder fliesst?

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Der Bildschirm wird schwarz, im Raum ist es plötzlich dunkel und die Kaffeemaschine stoppt, bevor die Tasse gefüllt ist. Ein Stromausfall. Wenn es nicht an der Sicherung in der Wohnung liegt oder der Bezügersicherung im Keller und auch die Nachbarn im gegenüberliegenden Haus im Dunkeln sitzen, dann ist es eine Störung im Stromnetz.

Das Stromnetz der Stadt Zürich wird von den Dispatchern in der ewz-Netzleitstelle rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr überwacht. Das Netz umfasst rund 5000 Kilometer Stromkabel unter dem Boden und 100 Kilometer Freileitungen. Der Strom fliesst in Höchstspannung von bis zu 380‘000 Volt in die vier grossen Kuppelunterwerke der Stadt, dann in die 19 Unterwerke und anschliessend zur Feinverteilung über 700 Transformatorenstationen zu den Kundinnen und Kunden nach Hause. In den verschiedenen Stationen wird die Spannung immer wieder transformiert, bis er in der Steckdose mit einer Spannung von nur noch 230 Volt ankommt.

Doch was passiert in der Leitstelle, wenn irgendwo auf diesen Tausenden von Kilometern Stromleitungen oder in einer der über 700 Anlagen eine Störung auftritt? Unsere Reportage gibt einen Einblick.

Die Netzleitstelle – Das Herz der Energieversorgung in der Stadt Zürich.

Die Netzleitstelle

 

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Die Netzleitstelle in Oerlikon – die Dispatcher kontrollieren sämtliche Monitore und Systeme

Die ewz-Netzleitstelle Zürich überwacht und steuert hauptsächlich die Energieversorgung der Stadt Zürich. Sie erbringt jedoch noch zahlreiche weitere Dienstleistungen. So steuert und überwacht sie z. B. die Einspeisung der Fahrleitungen der Verkehrsbetriebe Zürich VBZ, Sihltal-Zürich-Uetlibergbahn und VBG, ist Kontaktstelle bei Störungen der öffentlichen Beleuchtung und Uhren und überwacht das stadtweite Telecom-Glasfasernetz sowie zahlreiche Wärme- und Kälteanlagen.

An Wochenenden und in der Nacht ist die Leitstelle von ewz nur mit einer Person besetzt. Kommt es zum Störfall, muss innert Sekunden erkannt werden, um was für eine Störung es sich handelt, um eine in der Niederspannung (400/500V), in der Mittelspannung (11/22kV) oder gar um eine auf Hochspannungsebene (220/150kV). In dieser Zeit laufen die Systeme heiss: akustische und optische Alarme des Leitsystems sowie das ununterbrochene Klingeln des Telefons.

Beim speziellen Telefonapparat sind es vier Linien, auf denen je sieben Personen gleichzeitig anrufen können, maximal also 28 Personen, die eine Störung melden oder eine Frage stellen möchten. Für eine Person alleine unmöglich,  alle gleichzeitig zu bedienen. Die Leitstelle kann deshalb auf ein Callcenter umschalten, damit sie sich auf die Störungsbehebung konzentrieren kann.

Priorisierung im Störungsfall nicht immer einfach – rasche Wiederversorgung jedoch an erster Stelle.

In der Leitstelle sind alle Abläufe genau vorgegeben, damit eine Störung möglichst schnell behoben werden kann. Als erstes muss der Dispatcher entscheiden, welche Pikettmitarbeitende aufgeboten werden müssen, zum Beispiel Netzingenieure  und Mitarbeitende zur Unterstützung der Leitstelle. Diese Mitarbeitenden erhalten eine SMS und eine Meldung auf den Pager, worauf sie innert 5 Minuten antworten müssen.

Als nächstes kümmert sich der Dispatcher um die Störanalyse. Im Hochspannungsnetz ist der Fehler meistens einfach zu finden, weil das Leitsystem den Ort der Störung anzeigt. Wenn es sich um Mittelspannungs- oder Niederspannungsstörungen handelt, ist die Netzleitstelle darauf angewiesen, dass die Kundinnen und Kunden eine Störung melden. Die Netzingenieure müssen an den Störungsort fahren und die Situation dort analysieren. Welche Gebäude haben keinen Strom und wie hängen diese zusammen? Könnte der Fehler in der Trafostation liegen? Oder wurde bei den Bauarbeiten im Quartier ein Stromkabel von ewz beschädigt? Manchmal müssen sie sogar ein spezialisiertes Unternehmen beiziehen, um den Fehlerort einzumessen. Das kann alles lange dauern. Deshalb kann bei einer Störung oft nicht vorausgesagt werden, wann der Strom wieder fliesst, obwohl die Betroffenen dies natürlich gerne wissen möchten. Die rasche Wiederversorgung steht bei ewz jedoch immer an erster Stelle.

Wiederversorgung über eine andere Leitung.

Unterwerk beim Hönggerberg - Hochspannungsleitung.

Hochspannungsleitung UW Hönggerberg

Die Netzleitstelle sorgt dafür, dass die betroffenen Kundinnen und Kunden wenn immer möglich über eine andere Leitung oder ein anderes Unterwerk versorgt werden können, bis der Schaden behoben ist. Sobald die Wiederversorgung über eine andere Leitung organisiert ist, werden die Kundinnen und Kunden schrittweise wieder zugeschalten. Diese Schritt-für-Schritt-Zuschaltung ist notwendig, um eine Überlastung des Stromnetzes und damit einen erneuten Ausfall zu verhindern. Sobald der Dispatcher dies erfolgreich über die Bühne gebracht hat, ist der Stromausfall für die Öffentlichkeit bereits vorbei. Doch bei ewz gibt es noch viel zu tun.

Um Stromkabel zu reparieren, müssen manchmal Strassen gesperrt und massive Strassenbeläge entfernt werden. Dies war beispielsweise im Jahr 2014 in Leimbach der Fall, als eine Baufirma bei Bohrarbeiten ein Stromkabel unterhalb einer Hauptstrasse beschädigt hat. Gemeinsam mit der Netzleitstelle koordiniert der Netzingenieur vor Ort die nötigen Arbeiten und bietet Monteure etc. auf.

Unsorgfältige Bauarbeiten führen zu Kurzschlüssen.

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Freilegung Kabel in Leimbach, nachdem ein Bauarbeiter mit einer ferngesteuerten Bohrmaschine von unten die Kabel angebohrt hatte

Bei der Hälfte aller Stromausfälle in Zürich sind unsorgfältige Bauarbeiten die Ursache. Wenn bei Bauarbeiten ein Kabel beschädigt wurde, melden sich die Bauunternehmen meistens direkt bei der Leitstelle. Solche Unfälle kommen vor, weil sich in Zürich sehr viele Kabel im Boden befinden, und die Bauunternehmen nicht immer die aktuellen Pläne zur Hand haben. Manchmal kommt es auch vor, dass Bauunternehmen die vorgeschriebenen Leitungspläne nicht konsultieren und deshalb Kurzschlüsse verursachen. Das ist nicht nur ärgerlich für die Bevölkerung, es ist auch lebensgefährlich für die Arbeitenden auf der Baustelle.

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Zum Glück profitieren die Kundinnen und Kunden im Allgemeinen von einer hohen Ver­sorgungs­sicher­heit in Zürich. Pro Kundin/Kunde ereignet sich im Schnitt nur alle acht Jahre ein Stromausfall, der durchschnittlich 10 Minuten lang dauert.

 

Interview mit Andreas Bertschinger, Dispatcher bei ewz

Andreas Bertschinger

Andreas Bertschinger, Dispatcher bei ewz

Was beinhaltet die Aufgabe im Bereitschaftsdienst?
Der Bereitschaftsdienst ist die personelle Verstärkung der Netzleitstelle während der Phasen der Einmann-besetzung. Die Dienstzeit ist von Montag bis Freitag: 00.00 bis 06.00 und 16.00 bis 24.00 Samstag, Sonntag und Feiertage: 00.00 bis 24.00. Je nach Bereitschaftsdienstgrad muss ein Rückruf in 5min geschehen und innert 30min muss der Bereitschaftsdienst-Mitarbeitende am Einsatzort, also in der Netzleitstelle erscheinen. Seine Hauptaufgabe ist die Unterstützung des anwesenden Dispatchers in der Netzleitstelle bei der Störung und die Bedienung der verschiedenen Systeme wie das Beantworten der eingehenden Telefone.

Was beinhaltet deine Aufgabe als Dispatcher?
Zentral ist das Gewährleisten eines effizienten, versorgungssicheren und kundenorientierten 24-Stundenbetriebs der Netzleitstelle und des ewz-Störungsdienstes. Dazu gehört das Betreiben und Überwachen der ferngesteuerten Anlangen von ewz im Grossraum Zürich und das Koordinieren und Durchführen von ferngesteuerten Schaltungen als Voraussetzung für die sichere Durchführung von geplanten Arbeiten in Anlagen und Netzen. Ich bin verantwortlich für eine möglichst rasche Wiederherstellung des Normalbetriebs nach Störungen in Anlagen und Netzen unter Beizug der erforderlichen Fachpersonen. Zudem bin ich Ansprechperson für Kunden im Rahmen des ewz-Störungsdienstes.

Wie häufig musst du in der Nacht ausrücken?
In den vier Jahren die ich für ewz arbeite ist es, bis jetzt, zum Glück nur zwei Mal vorgekommen.

Wie gehst du vor wenn du in der Leitstelle angekommen bist?
Als erstes verschaffe mir einen Überblick. Was ist ausgefallen? Was ist noch zu tun? Wer füttert das Informationssystem ESIS Plus? Wer macht die Störanalyse falls nicht schon erledigt? Sind die Informationen an die Kundinnen und Kunden schon raus? Am Wichtigsten ist, den Kollegen, der bereits in der Netzleitstelle ist, tatkräftig zu unterstützen und zu entlasten.

Was ist die grösste Herausforderung für dich?
Bei einer Störung nicht in Hektik zu verfallen. Ein Ausfall ist ganz schön stressig, vor allem wenn man alleine in der Netzleitstelle ist. Das Leitsystem bringt sehr viele optische und akustische Alarme, das Telefon klingelt permanent. Zum Teil reagieren die Kunden ungehalten. Da gilt es, kühlen Kopf zu bewahren.

Zudem ist es eine Herausforderung, die Störung korrekt zu eruieren, das heisst, zu erkennen, um was für eine Störung es sich handelt. Danach die richtigen Stellen aufzubieten, die Rückrufe der Personen mit Bereitschaftsdienst nicht zu verpassen.  Tagsüber ist dies kein Problem, da normalerweise genügend «Manpower» vorhanden ist, um schnell reagieren zu können.

Gibt es ein spezielles Ereignis, das dir in Erinnerung geblieben ist?
Die letzte Störung vom 04. September, bei der ich Bereitschaftsdienst leisten musste, ist mir noch sehr präsent. Als ich angekommen bin, war die Umleitung auf das Callcenter noch nicht aktiv, irgendetwas hat nicht richtig funktioniert. Ich hatte daher einige Kundentelefone zu beantworten, darunter auch solche von der Presse. Diese Telefone sind besonders heikel, da wir gegenüber der Presse keine Auskünfte geben dürfen. Dafür ist unsere Medienstelle zuständig.