Fernsicht

Fernblick: Stromalltag in Südafrika.


Wenn Thandeka Ntshiba auf dem Weg von der Arbeit nach Hause noch schnell ein paar Kleinigkeiten besorgt, steht auf ihrem Einkaufszettel neben Brot, Milch, Zwiebeln und Maismehl auch noch «Strom». Was in der Schweiz undenkbar ist - Elektrizität im Supermarkt zu kaufen - ist in Südafrika Alltag. Korrespondent Hans-Martin Brandt berichtet über den Energiealltag im WM-Gastland.

Strom-Oberleitungen prägen das Dorfbild in Rini.

Thandeka, Putzfrau in täglich wechselnden Haushalten weisser Familien, kauft sich einen Bon mit einer Geheimzahl. In ihrem 30-Quadratmeter-Häuschen in Rini, einem armen Vorort am Rande der Universitätsstadt Grahamstown, tippt sie am Stromzähler den Code ein - und hat wieder Elektrizität für eine Woche oder zwei.

Solche sogenannten Prepaid-Zähler sind in Südafrika sehr weit verbreitet. Bevor Nelson Mandela 1994 erster demokratisch gewählter Präsident aller 32 Millionen schwarzen und 8 Millionen weissen Südafrikaner wurde, waren die Schwarzen Jahrhunderte lang von der weissen Minderheit unterdrückt worden. Das System der Rassentrennung, die Apartheid, zwang Schwarze, entweder in Slumsiedlungen am Rand der Städte zu wohnen oder in bitterer Armut irgendwo auf dem Land.

Nach dem Ende der Apartheid bestand enormer Nachholbedarf. Millionen Schwarze brauchten Wohnungen, Strassen, Wasserversorgung - und Elektrizität. Der staatliche Stromkonzern Eskom schloss bis 2003 täglich mehr als 1000 Haushalte ans Stromnetz an - und immer wurden Prepaid-Zähler installiert. Heute gibt es davon mehr als vier Millionen: in Wellblechverschlägen, Lehmhütten und in Siedlungen wie Rini, wo arme Schwarze wohnen. Aber längst auch in den Häusern der Mittelklasse, zu der heute nicht mehr ausschliesslich Weisse gehören.

Weit verbreitet: Prepaid-Zähler für die kontrollierte Stromzufuhr. Den Strom kauft man sich im Supermarkt.

Die Zähler sind beliebt. Sie erlauben es, die Kosten für Strom genau zu kontrollieren. Andererseits haben die Stadtverwaltungen kaum noch Ärger mit Konsumenten, die nicht zahlen. Es müssen keine Zähler abgelesen werden, keine Rechnungen verschickt, keine Schulden eingetrieben werden. Elektrizität illegal abzuzapfen, früher weit verbreitet, ist viel schwieriger geworden. Die Zähler sind gut versiegelt, die oberirdisch verlegten Kabel mit einer Ummantelung aus Stahl geschützt.

Der Erfolg hat aber auch negative Folgen. Früher gab es Elektrizität im Überfluss: Das Land hat grosse Kohlekraftwerke und - in der Nähe von Kapstadt - das einzige Atomkraftwerk in Afrika. Inzwischen geht Südafrika der Strom aus. Die Zahl der Verbraucher ist sprunghaft gestiegen, die Industrie expandiert, die Wirtschaft wächst - und Eskom hat zuletzt vor 20 Jahren eine neues Kraftwerk in Betrieb genommen.

Zum Erfolg Südafrikas gehört es auch, dass in diesem Land in diesem Jahr erstmals eine Fussballweltmeisterschaft auf afrikanischem Boden stattfinden wird. Aber kann Südafrikas Stromnetz unter diesen Umständen ein solches Grossereignis überhaupt bewältigen? Vizepräsident Kgalema Motlanthe beruhigt: «Ich kann garantieren, dass es keinen Blackout geben wird, ausser es kommt zu einer Naturkatastrophe.» (siehe Fortsetzung Bericht)

Dennoch, für normale Verbraucher wie Thandeka sind Stromausfälle zum Alltag geworden. Immer wieder wird die Versorgung der Haushalte abgeschaltet, damit Grossverbraucher wie die Goldbergwerke weiterarbeiten können. Und jedes Jahr wird die Elektrizität teurer - allein 2010 um 15 Prozent.

Strassen-Performance: Ein Verlängerungs-
kabel und eine kleine Lautsprecher-
anlage reichen für die Slam Poetry Session.

Trotzdem möchte Tandeka nicht mehr ohne Strom auskommen. «Wenn ich abends nach Hause komme, kann ich schnell das Essen kochen», sagt sie. Fünf Kinder hat sie, deren Vater sich schon seit Jahren nicht mehr sehen lässt. Immerhin hilft ihr jüngerer Bruder, der mit im Haus wohnt. «Und die Kinder können ihre Hausaufgaben machen, obwohl es draussen dunkel ist.» Abends sitzt die Familie dann vor dem Fernseher.

Nur wenn ihr Kredit mal abgelaufen ist und der Stromzähler sich abschaltet, holt Thandeka vielleicht noch den alten Spirituskocher hervor. Sie hat nicht vergessen, wie das Ding funktioniert. Aber mühsam und unzuverlässig ist es schon. Ausserdem: Paraffin ist teuer und stinkt. Wenn es irgendwie möglich ist, schickt sie lieber eines der Kinder zum nächsten Laden. Um Strom zu kaufen.

Sondereinsatz für die WM.
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2 Kommentare

  • Jean Pierre Cotti

    Spannend liest sich dieser Bericht. Das System mit der Vorauszahlung kennen wir bei uns für Waschmaschinen in vielen Hausgemeinschaften, Mehrfam.-Häusern doch auch. Was mich irritiert, ist die Art und Weise, wie Strom heute noch zugeteilt wird: Vorrang der Industrie gegen Haushalte; und wie (seinerzeit) die schwarze Mehrheit von der Infrastruktur-Entwicklung des Landes aktiv benachteiligt wurde. Auch in der CH gab es damals viele massgebende Leute, die das gut hiessen... wider jede soziale Gerechtigkeit.

    27.05.10, 13:01

  • sarah

    danke für den artikel. das wusste ich nicht, dass in den township so ein system benützt wird. aber ich war mal drei monat ein cape town und hatte doch einige "power failure" (stromausfälle) erlebt. darum bin ich sehr gespannt wie das an der wm wird. freundliche grüsse sarah b.

    27.05.10, 20:08

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